Lead
Gesellschaften definieren sich nicht zuletzt über die pharmazeutischen Stoffe, die hergestellt, eingenommen, reguliert, verboten oder verordnet werden. Die Geschichte von LSD und dem neurochemischen Selbst ist nicht nur gesellschaftlich von grösster Relevanz, sondern die zahlreichen eher populären Publikationen und Filme zu LSD zeigen, dass dieser Stoff noch in keiner Weise von seiner Faszinationskraft verloren hat. Um so wichtiger scheint es, diese Geschichte mit historischem Quellenmaterial zu unterfüttern und die Diskussion weg von den zahlreichen Hippie- sowie Sex, Drugs, and Rock&Roll-Stories hin zu einer stärker gesellschaftsgeschichtlichen Kontextualisierung und Analyse zu lenken.

Lay summary

Die Geschichte von LSD und seinem Schöpfer Albert Hofmann wurde schon unzählige Male erzählt. Was bislang gänzlich fehlt, ist eine Geschichte der Produktion des Ausgangsstoffes der LSD-Produktion, namentlich des Mutterkorns. Auswahl, Züchtung und Anbau entsprechender Getreidesorten sowie die Impfung, Produktion und Ernte des Mutterkorns zeigen die Vielschichtigkeit der Herstellung eines psychotropen Stoffes gleichsam auf dem Felde. Erst zahlreiche Aushandlungsprozesse zwischen Industrieforschung, Wissenschaft und Landwirtschaft machten so LSD und andere auf Mutterkorn basierende Produkte möglich.

Die Produktion, Zirkulation und Verwertung von psychotropen Stoffen in Verhältnissen gesellschaftlicher, kultureller und epistemischer Ungleichheit wird nicht nur innerhalb der Schweiz, sondern in einem globalen Kontext untersucht. Die Entdeckungs- und Forschungsprozesse der mit LSD eng verwandten Stoffe Psilocybin und Ololiuqui fanden in einem interkulturellen Kontext statt. Das entsprechende Wissen und die erforderlichen Praktiken trugen insbesondere zur Entstehung der Ethnomykologie und der Ethnobiologie bei und warfen die Frage nach dem „objektiven Element“ der Substanzen auf. Das beantragte Projekt folgt der „Wunderdroge“ LSD deshalb anhand des Nachlasses von Albert Hofmann, welcher der Forschung seit 2014 im Institut für Medizingeschichte der Universität Bern öffentlich zugänglich ist, und bislang noch weitestgehend unberücksichtigten Beständen im Firmenarchiv von der Novartis, Bestand Sandoz, und unterfüttert die kulturellen Deutungen mit den materiellen Grundlagen seiner Produktion und der Suche nach der stofflichen Essenz der Wirkungen.