Lead
Während eines Gesprächs kann der unvollständige Redebeitrag eines Sprechers durch einen anderen Sprecher vervollständigt werden. Dieses gemeinsame Formulieren von Äußerungen tritt typischerweise bei Wortfindungsschwierigkeiten auf, ist aber auch beim gemeinsamen Erzählen oder Erklären zu beobachten. Obwohl diese sogenannten Ko-Konstruktionen in typologisch unterschiedlichen Sprachen beobachtet wurden, wurden ihre Formenvielfalt und ihre sozialen Funktionen bisher nur unzureichend beschrieben.

Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

Anhand von Videoaufnahmen und Transkriptionen alltäglicher Gespräche in drei Sprachen soll erforscht werden, in welcher Ausprägung gemeinsame Formulierungsaktivitäten vorkommen und welche sozialen Aufgaben diese erfüllen. Das Projekt soll erstens ergründen, welche Arten von Ko-Konstruktionen in den drei Zielsprachen (Deutsch, Französisch und Tschechisch) existieren und inwieweit grammatische Eigenschaften der jeweiligen Sprache (z.B. Wortstellung) unterschiedliche Formen von Vervollständigungen ermöglichen. Zweitens wird untersucht, ob gemeinsames Formulieren eine grundsätzlich kooperative Handlung ist und wie dieses alltagssprachliche Phänomen von Sprechern dazu genutzt wird, Argumentationspositionen und Wissensstände untereinander zu verhandeln.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Einerseits trägt das Projekt zur Entwicklung eines qualitativ-(sprach)vergleichenden Ansatzes sowie zu einer detaillierten Beschreibung gesprochener Sprache und angewandter grammatischer Strukturen bei. Andererseits erlaubt es, Gespräche nicht nur als reinen Informationsaustausch, sondern vor allem als soziale Interaktion zu verstehen, in der gemeinsame Formulierungsaktivitäten systematisch zum Einsatz kommen. Eine genaue Unterscheidung von kooperativem und kompetitivem Sprachverhalten kann zu einem besseren Verständnis von privaten und beruflichen Gesprächssituationen führen.