Lead
Die Viola da gamba war ein wichtiges neues Musikinstrument der italienischen Hofkultur um 1500. Fast zeitgleich taucht sie unter dem Begriff "Groß Geige" auch in nördlichen Quellen auf, jedoch in sehr unterschiedlicher Gestalt und Einrichtung. Das interdisziplinär angelegte Projekt will diese Differenzen im Streichinstrumentenbau untersuchen, sich einer möglicherweise eigenständigen transalpinen Tradition nähern und die Ergebnisse für die Musikpraxis nutzbar machen.

Lay summary

Die neue italienische Hofkultur der Renaissance um 1500 bediente sich der Streichinstrumente als wichtiges Element ihrer kulturellen Entfaltung. In diesem Zusammenhang entstanden auch die neuen "Viole da gamba", die zeitgleich in deutschsprachigen Quellen des frühen 16. Jahrhunderts als "Groß Geigen"/"Vyolen"/"Rybeben" nachzuweisen sind (z.B. Virdung, Basel 1511), jedoch mit deutlich unterschiedlichen Korpusformen und Konstruktionsmerkmalen. Die gängigen Erklärungsmodelle eines italienischen Einflusses auf den Norden führen dadurch zu erheblichen Unstimmigkeiten.
Das vorgestellte Forschungsprojekt setzt an diesem Problem an und hat eine erneute und vertiefte Untersuchung des Phänomens der nordalpinen Streichinstrumente zum Ziel, wobei im Unterschied zu den bisherigen Forschungen ein Wechsel der Perspektiven mit Blickrichtung von Norden nach Süden erfolgt. Die Arbeiten hierzu gliedern sich in drei Schritte: Erstens die Beschreibung des lokalen Phänomens der 'Groß Geigen' aufgrund der erhaltenen textlichen, musikalischen, ikongraphischen und organologischen Quellen, zweitens die Ausweitung auf den europäischen Kontext, besonders nach Italien und Spanien, und schliesslich drittens die Beschreibung der inneren und äusseren Konstruktionsmerkmale von 'Gross Geigen', die zu einer Rekonstruktion der Instrumente dienen können.
In einem interdisziplinären Ansatz (hist. Musikwissenschaft, Organologie, Ikonographie) wird der Streichinstrumentenbau um 1500 nördlich der Alpen paradigmatisch beleuchtet und ausdifferenziert. Die Ergebnisse führen zu neuen Arbeitsfeldern der Historischen Musikpraxis. Damit schaffen sie die nötigen Grundlagen für den Schritt in die Klanglichkeit und für die öffentliche Wahrnehmung in der Konzertpraxis.