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Lay summary

Lead: Das christliche Motiv der Heiligen Familie als Idealvorstellung einer spezifischen Form des menschlichen Zusammenlebens ist bis heute eines der wichtigsten Bildspender der westlichen Kunst. Das Projekt untersucht ausgehend von ausgewählten Werken die Adaptionen der Heiligen Familie im zeitgenössisch-europäischen Arthouse-Film aus der Perspektive einer kulturwissenschaftlich geprägten Religionswissenschaft.

Hintergrund: Zeitgenössische Filmemacher interpretieren und adaptieren das religionshistorische Motiv der Heiligen Familie auf unterschiedliche Weise. Sie de- und rekonstruieren diese idealisierte Familienvorstellung und refelktieren dabei aktuelle soziale, religiöse und politische Debatten um Genderrollen und Lebensformen. Doch ist die intensive Auseinandersetzung mit dem Motiv kein rezentes Interesse: Ein Blick in dier Filmgeschichte zeigt, dass die Heilige Familie in den unterschiedlichsten Genres und von diversen Filmemachern durch alle Zeiten hindurch bearbeitet und inszeniert wurde. Um die Erkennbarkeit des Motivs zu garantieren, orientieren sich die filmischen Inszenierungen an bestimmten Darstellungskonventionen aus der darstellenden Kunst.  Der Film kann folglich als populäre und aktuelle Etappe eines intermedialen Tradierungsprozesses aufgefasst werden. Die Verfremdungen ästhetischer und inhaltlicher Natur, die das Motiv während der filmischen Adaption erfährt, sollen in Bezug zu populären Darstellungen aus der Malerei des 16. Jhs. herausgearbeitet und reflektiert werden.

Ziel: Das Projekt hat zum Ziel intermediale Tradierungsprozesse am Beispiel eines christlich konnotierten Motivs im zeitgenössischen Arthouse-Film im Rahmen einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Religionswissenschaft zu untersuchen. Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, wie die drei Filmemacher Susanne Bier, François Ozon und Pedro Almodóvar das religionsgeschichtliche Motiv der Heilige Familie, das in ihren Werken in unterschiedlicher Form präsent ist, filmisch aufnehmen und verändern. Anhand eines spezifischen Filmkorpus untersucht das Projekt die Etappen der intermedialen Tradierung eines religionshistorischen Motivs vom 16. Jh. bis heute und fragt nach damit verbundenen Bedeutungszuweisungen ausserhalb der religiösen Tradition. Die Analyse ausgewählter Filme wird in Bezug zu Darstellungen aus der Malerei gesetzt. Dadurch soll der Tradierungsverlauf aufgezeigt und im jeweiligen Kontext der filmischen Produktion reflektiert und interpretiert werden.

Bedeutung: Die spezifische Ästhetik eines Motivs spielt im intermedialen Tradierungsprozess eine zentrale Rolle: Denn nur, wenn es nach bestimmten Konventionen dargestellt wird, ist es dem Rezipienten überhaupt möglich, es zu erkennen, einzuordnen und im Kontext zu interpretieren. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive wurden religionshistorische Motive im Film bis anhin bis auf wenige Ausnahmen vor allem auf der Ebene der Narration analysiert. Die Untersuchung des Motivs Heilige Familie im zeitgenössischen Arthouse-Film erweitert den laufenden Diskurs der intermedialen Tradierung im Forschungsfeld Visualität und Religion, indem es den Zusammenhang zwischen ästhetischer Inszenierung und religionshistorischer Bedeutung theoretisch und am Fallbeispiel reflektiert. Dazu liefert dieses Projekt einen neuen Impuls im religionswissenschaftlichen Bereich Film und Religion, der in Europa immer noch wenig erforscht ist.