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Beten als verleiblichtes Verstehen -Hermeneutische Zugänge zum Ereignis des Gebets

Lay summary

Das am Zürcher Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie angesiedelte Forschungsprojekt lässt sich von der Vermutung leiten, dass sich im Gebet die Möglichkeiten und Grenzen religiösen Verstehens in paradigmatischer Weise zeigen und exemplarisch studieren lassen. Untersucht wird zum einen, welche Bedeutung die leiblich-sinnliche Dimension des Gebets für ein solches Verstehen hat. In welcher Weise aktualisiert, stabilisiert oder transformiert sich im Gebet religiöses Verstehen? Zum anderen soll analysiert werden, wie sich im Ereignis des Gebets religiöses Selbst- und Fremdverstehen und die Artikulation des Nicht-Verstehens verschränken. Insbesondere beleuchten wir den Sachverhalt, dass im Gebet auch die Grenzen des Verstehens zur Sprache kommen: der Widersinn des Leidens ebenso wie das Nichtverstehen seiner selbst und die Unbegreiflichkeit Gottes.

Wir vermuten, dass sich die besondere hermeneutische Qualität des Gebets gerade dort zeigt, wo religiöses Verstehen an seine Grenzen kommt. Im Gebet kann sich Nicht-Verstehen artikulieren und Neuverstehen einstellen. Die apophatische Gebetsprache, die an der Grenze des Schweigens die Möglichkeiten der Gebetsrede auslotet, enthält ein kritisches Potential gegenüber religiöser Sinnfixierung. Das Schweigen, das eine solche Gebetssprache eröffnet, lässt sich als Vollzug beschreiben, in dem sich zeigen kann, was sich nicht mehr sagen lässt.

Das hermeneutisch angelegte Projekt möchte zum besseren Verstehen der multireligiös geprägten Gebetsrealität der Gegenwart beitragen. Durch die Berücksichtigung bisher vernachlässigter leiblicher Aspekte des Gebetsgeschehens korrigiert es nicht nur die einseitige Wahrnehmung der vielschichtigen Phänomenalität des Gebets, sondern erkundet am Beispiel des Gebets auch die Leistungsfähigkeit und die Grenzen einer Hermeneutik gelebter Religion.