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Alban Berg als Erzähler? Eine musikologisch-narratologische Untersuchung am Beispiel seiner in den Jahren 1923 bis 1935 entstandenen Instrumentalwerke.

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Alban Bergs Musik zeichnet sich durch einen besonderen »Ton« aus, der durch die immense Formenvielfalt seiner Werke und einen meisterhaften Umgang mit musikalischem Material geprägt ist. Nach Theodor W. Adorno liegt in Bergs Musik und ihrem »Formenreichtum« gar eine »Beredtheit« und »integrale Sprachähnlichkeit«[1], die der Komponist durch bewusste Planung erzielte, »die vom ganzen Satz bis in den Stellenwert jedes einzelnen Tones reicht und nichts ausläßt«.[2] Erzählen, als eine spezifische Art von Sprachverwendung, gilt als eine grundlegende kognitive Fähigkeit des Menschen, die es ihm erlaubt, sein Wissen und seine Welterfahrung in Kommunikation zu übersetzen. Auch Musik wird als Kommunikation und damit als »konstituierender Faktor zu einer humanen Lebenswelt«[3] verstanden, als eine lebensnotwendige Form menschlichen Ausdrucks und kultureller Manifestation. Naheliegend ist also der Versuch, Verbindungen zwischen Narrativität und Musik herzustellen, die von der Idee ausgehen, dass Erzählen über alle Zeiten und in allen Kulturen existierte und sich medienübergreifend – also auch in der Musik – entfalten kann.

Das vorliegende Forschungsvorhaben möchte an dieser Schnittstelle mit einer Grundsatzuntersuchung einsetzen und musikalische Narrativität am Beispiel Alban Bergs und seiner in den Jahren 1923 bis 1935 entstandenen Instrumentalwerke, die potentielle Sprachähnlichkeit seiner Musik und seine Rolle als möglichen musikalischen Erzähler diskutieren. Eine Voraussetzung bilden dabei neben Bergs literarischer Bildung sein Sprachgefühl und sein erzählerisches Talent, die sich beispielsweise in seinen Briefen deutlich manifestieren. 

Dabei gilt es, in einem ersten Schritt eine spezifisch musikalische und analytische Vorgehensweise zu entwickeln, die es erlaubt, die Besonderheiten von Musik anhand einer narratologischen Analyse genau zu umreissen und nicht – wie häufig bei musikologisch-narratologischen Untersuchungen – literaturwissenschaftliche und strukturalistisch geprägte Methoden per Analogiebildung auf die Musik zu übertragen.

In einem zweiten Teil sollen anhand der so entwickelten Methoden Bergs Kammerkonzert für Klavier, Geige und 13 Bläser (1923–25), die Lyrische Suite für Streichquartett (1925/26) und das Violinkonzert (1935) narratologisch analysiert werden, um die Werke neu zu kontextualisieren und ihr spezifisch narratologisches Element zu fassen.

Um dies möglichst detailliert zu erreichen und weitere Eigentümlichkeiten des Erzählerischen fest zu machen, soll in einem nächsten Schritt der Blick auf schon vorhandene musikalische Analysen gerichtet werden. Hier geht es darum, zu klären, inwiefern schriftliche Analysen zugleich auch Erzählungen sind, ob und inwiefern der Analytiker zugleich Erzähler ist, und inwiefern narrative Sprachstrategien innerhalb der Texte die öffentliche Wirkung und Interpretationen der Untersuchungen beeinflussen.

Ziel der Arbeit ist es, in der Forschung diskutierte Kontroversen zu Berg – beispielsweise hinsichtlich der Frage, ob seine Musik als autonome oder aber als auskomponierte Autobiographie zu verstehen ist – durch eine narrative Herangehensweise und Interpretation kritisch in Frage zu stellen und eine neue Perspektive für die Deutung von Leben und Werk Bergs zu entwickeln.

[3]         Georg Picht, »Wozu braucht die Gesellschaft Musik?«, in: Dt. Musikrat. Referate, Informationen 1972, Nr. 22, S. 35–39.

[2]         Ebd., S. 8f.

[1]         Theodor W. Adorno, Berg. Der Meister des kleinsten Übergangs (= Österreichische Komponisten des XX. Jahrhunderts, Bd. 15), Wien 1968, S. 9.