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Lay summary
Thema der Forschung sind humanwissenschaftliche Deutungen der Entstehung neuer Menschen in der Moderne (insbes. Medizin, Psychologie und Psychoanalyse). Anhand der Geschichte der reproduktionsmedizinischen Experimente im 19. Jahrhundert wird in einem ersten Teil gezeigt, wie humanwissenschaftliche Konzepte von Zeugung zunehmend vom Tun der Eltern abstrahieren und auf das biologische Ereignis der Keimzellenverschmelzung fokussieren. Diese Verschiebung von einem Akt- zu einem Substanzkonzept von Prokreation korrespondiert mit der genetischen Engführung vormals heterogener Hereditätskonzepte um 1900, welche den Ursprung von Eigenschaften in Erbsubstanz lokalisiert. Zeitgleich mit dieser "Biologisierung" von Prokreation setzt eine "Psychologisierung" von Schwangerschaft und embryonaler Entität ein, die nicht-genetische Konzepte der Transmission von Eigenschaften und Pathologien tradiert. Damit befasst sich ein zweiter Teil über die Entstehung der pränatalen Psychologie. Insofern als die hier sich disziplinär ausdifferenzierenden Thematisierungsstränge zurzeit im Kontext eines erneuerten epigenetischen Forschungsparadigmas zusammenlaufen, leistet das Projekt einen Beitrag zur Genealogie gegenwärtiger humanwissenschaftlicher Wissensproduktion. In gesellschaftshistorischer Absicht wird ausserdem gezeigt, wie humanwissenschaftliche Thematisierungen von Prokreation und embryonaler Entität mit der gesellschaftspolitischen Sorge um die Kontinuität von Kollektiven zusammenhängen. Das Projekt arbeitet mit dem wissenschaftsgeschichtlichen Instrumentarium der historischen Epistemologie und ist in seinem Erkenntnisinteresse und seinen Fragestellungen historisch-anthropologisch ausgerichtet.