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Lay summary
Angesichts der zahlreichen, oft langwierigen kriegerischen Auseinandersetzungen und verheerenden Naturkatastrophen weltweit sind Diskussionen über Möglichkeiten zu deren Prävention, Beilegung und Bewältigung hoch aktuell. Dabei dominieren jedoch oft makro-politische oder psychologisch-individualisierende Erklärungsmodelle. Die Perspektive auf die sozialen Rahmenbedingungen, alltäglichen Realitäten und möglichen Veränderungsprozesse vor Ort ist vergleichsweise sehr schwach entwickelt.Das vorliegende Forschungsprojekt nimmt sich dieser Lücke aus ethnologischer und Gender-analytischer Perspektive an.Ein Fokus auf die Geschlechterbeziehungen bietet sich an, bilden diese doch einen integralen Bestandteil jeglicher Prozesse sozialen Wandels.Gerade für Kriegs- und Nachkriegsgesellschaften, in denen herkömmliche Normen und Rollen herausgefordert werden, sind solche Aushandlungsprozesse zwischen und unter Frauen und Männern von Interesse. Eine ethnologische Untersuchung vermag dabei die konkreten Alltagspraktiken in den Mittelpunkt zu rücken: In der Beobachtung und Analyse alltäglicher Handlungen wird ersichtlich, wie die Betroffenen Spielräume wahrnehmen, definieren, gestalten, ausweiten oder einschränken. Dabei fällt der Fokus unweigerlich auf die fundamentalen sozialen Beziehungen: jene der Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft, diejenigen Beziehungsgeflechte also, welche durch Kriegsereignisse und Krisenerfahrungen besonderen Veränderungen unterworfen sind.Das Ziel des Forschungsmoduls liegt also in der differenzierten Analyse sozialer Praktiken und Netzwerke unter spezifischer Berücksichtigung der sich wandelnden Geschlechterverhältnisse. Dabei konzentriert sich die Untersuchung auf die Sichtweise der Frauen. Die übergeordneten Forschungsfragen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Wie gehen betroffene Frauen mit traumatischen Verlusten und Veränderungen in einem politisch wie ökonomisch instabilen Umfeld um? Über welche Handlungsspielräume verfügen sie? Wie werden dabei die Geschlechterverhältnisse neu überdacht und praktisch ausgehandelt, und inwiefern findet eine Rückbesinnung auf ‚traditionellere’ Modelle statt?Wie pflegen die Frauen Formen sozialer Unterstützung, und wie bauen sie Beziehungen neu auf? Wo treten Ein- und Ausschlussmechanismen auf? Undschliesslich: Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus diesen Beobachtungen und einer Gender-analytischen Perspektive ziehen im Hinblick auf die gesellschaftliche (Re)Integration?Zwei Feldstudien erörtern diese Fragen: Das Forschungsprojekt zu Bosnien-Herzegowina untersucht anhand der ethnologischen ego-zentrierten Netzwerkanalyse und biographischer Interviews die aktuellen Prozesse der Rückkehr, Reintegration und Alltagsbewältigung. Die Untersuchung zum Osten Sri Lankas erforscht mittels teilnehmender Beobachtung die spezifischen Dynamiken, die sich aus den Wechselwirkungen zwischen militarisierten Strukturen und den Auswirkungen einer massiven Naturkatastrophe ergeben.