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Texturen der Heiligen Schrift. Materialien und Semantiken sakralen Buchschmucks im westlichen Mittelalter, 780-1300

Applicant Ganz David
Number 197292
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Kunsthistorisches Institut Universität Zürich
Institution of higher education University of Zurich - ZH
Main discipline Visual arts and Art history
Start/End 01.11.2020 - 31.10.2024
Approved amount 1'250'042.00
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Keywords (13)

Mittelalterliche Buchkunst; 780-1300; Materialität; Edelsteinbesatz; Buchtextilien; Bucheinband; Schatzkunst; Elfenbeinschnitzerei; Chrysographie; Purpurfärbung; Ornament; Prachthandschrift; Materialsemantik

Lay Summary (German)

Lead
Im Früh- und Hochmittelalter entstehen geschmückte Bücher dort, wo Handschriften nicht nur zur Sicherung von Texten und zu deren Lektüre gebraucht werden, sondern als heilige Objekte dienen. Der auszeichnende Schmuck der in der Liturgie und zur privaten Frömmigkeit verwendeten Bücher wird dabei wesentlich durch edle Materialien bestimmt. Ihr Erscheinungsbild prägt die Oberflächentexturen sakraler Bücher ebenso auf deren äußerer Hülle, dem Bucheinband, wie im Inneren auf den beschriebenen und illuminierten Seiten.
Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

Anhand vier exemplarischer Materialgruppen, Gold und Silber, Purpur, Edelsteine und Textilien, vermisst das Forschungsprojekt die Oberflächenlandschaften des mittelalterlichen Buchdekors – sowohl aus der Nahsicht an ausgewählten Einzelbeispielen wie in einer Zeiten und Räume überblickenden Perspektive. Sechs den vier Teilprojekten gemeinsame Fragestellungen werden dabei untersucht: die Topologie, das heißt die Verteilung der Schmuckelemente auf dem dreidimensionalen Buchkörper, die Techniken und Effekte der Oberflächengestaltung und ihr multisensorisches Potential, die Bildlichkeit des Schmucks, das Verhältnis zur Schrift und schließlich Handlungsgeflechte und Diskurse, die Wahrnehmung und Deutung des Buchschmucks in den zeitgenössischen Quellen bestimmen. Ziel ist die Erarbeitung eines neuen Verständnisses mittelalterlicher Buchkunst. In Abkehr vom bisherhigen Zugang wird nicht ihre Illustrationsfunktion in den Mittelpunkt gerückt sondern ihre Funktion als Schmuck – Buchkunst als mit den verwendeten Materialien korrepondierender Ornat. Dabei werden grundlegende Fragen nach dem Verhältnis von Material, Ornament und Dekor in der mittelalterlichen Kunst gestellt.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Unter Einbeziehung der jüngsten Erkenntnisse der Restaurierungswissenschaften wird ein neuer theoretischer Zugang zu den hochaktuellen Fragestellungen nach der Rolle der Materialtät der Dinge im historischen Kontext mittelalterlicher religiöser Praxis erarbeitet, der über den engeren Bereich der mittelalterlichen Buchwissenschaften hinaus für das gesamte Feld mittelalterlicher Kunstgeschichte und Religionswissenschaft von hoher Bedeutung ist.  Als Projektpartner bei der Auswertung und Durchführung naturwissenschaftlicher Materialanalysen fungiert die Abteilung für Konservierungsforschung des Schweizerischen Landesmuseums Zürich.

 

Direct link to Lay Summary Last update: 02.10.2020

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Project partner

Abstract

Für die Kunstgeschichte des westeuropäischen Früh- und Hochmittelalters ist die Buchkunst eine Gattung von zentraler Bedeutung. Das Forschungsprojekt verfolgt das Ziel, einen neuen Zugang zu diesem Bereich zu etablieren. Die Bücher werden dabei primär als singuläre Artefakte betrachtet, die durch den Einsatz ausgewählter Materialien und deren elaborierter künstlerischer Gestaltung in eine eigene Objektkategorie geschmückter Bücher überführt werden. Die konsequente Fokussierung auf die Schmuckfunktion bedeutet eine Abkehr von dem nach wie vor dominanten Paradigma einer Illustrationsfunktion von Buchkunst. Das Projekt versteht sich als Beitrag, die Kategorien des Orna-ments, des Ornats und des Dekors als elementare Funktionsbegriffe zu erschliessen - für die mittelalterliche Buch-kunst, aber auch für die mittelalterliche Kunst insgesamt.Im Früh- und Hochmittelalter entstehen geschmückte Bücher dort, wo Handschriften nicht nur für die Sicherung von Texten und deren Lektüre bestimmt sind, sondern als heilige Objekte dienen sollen. Dies ist vor allem im Handlungs-kontext der Liturgie, aber auch in dem der privaten Frömmigkeit der Fall. Das Projekt konzentriert sich folglich auf die Buchgattungen Evangeliar, Perikopenbuch, Sakramentar, Missale, Psalter und Gebetbuch, die eine zentrale Rolle als Medien christlicher Buchreligion spielen. In ihnen ist der künstlerische Schmuck typischerweise nicht nur im Inneren der Handschrift zu finden, sondern auch und teilweise sogar vorrangig auf dem Bucheinband. Schmuckelemente im Inneren und auf der Buchhülle werden im Projekt konsequent aufeinander bezogen. Angestrebt ist eine systematische Untersuchung des spezifischen künstlerischen Umgangs mit jenen Materialien und Materialgruppen, die in herausra-gender Weise zum Schmuck der Bücher beitragen: Purpur, Gold und Silber, Edelsteine, Elfenbein und Textilien. Jeder dieser fünf Bereiche wird in einem eigenen Teilprojekt bearbeitet, dessen Ergebnisse abschliessend in einer Mono-graphie dargestellt werden. Arbeitsgrundlage aller Teilprojekte ist die Sicherung eines gemeinsamen Gegenstandskorpus, das westliche Pracht-handschriften im Zeitraum zwischen 780 und 1300 umfasst. Dabei werden in breitem Umfang die Resultate von Mate-rialuntersuchungen einbezogen, wie sie in den letzten Jahren vermehrt stattgefunden haben. Unter der Leitung von Dr. Katharina Schmidt-Ott (Abteilungsleiterin Konservierungsforschung des Schweizerischen Nationalmuseums), die als Projektpartnerin fungiert, werden ergänzend eigene Materialuntersuchungen vor Ort durchgeführt. Sie betreffen schwerpunktmässig das Teilprojekt zu den Edelsteinen, in Einzelfällen aber auch Objekte, die in den Teilprojekten Purpur, Gold und Silber, Elfenbein und Textilien bearbeitet werden. Auf dieser Datenbasis nimmt das Projekt eine kunsthistorische Analyse der Semantiken des Buchschmucks vor. Me-thodisch orientiert sich die Arbeit an einem gemeinsamen Katalog von Untersuchungsschwerpunkten: zu ihnen gehö-ren erstens die topologischen Strukturen, also die räumliche Anordnung des Buchschmucks auf dem dreidimensiona-len Buchkörper, zweitens die künstlerischen Techniken und die multisensorischen Effekte der Oberflächen, drittens die Bildlichkeit des Buchschmucks, viertens der kalligraphische Schmuckcharakter der Schrift, fünftens die Einbindung des Buchschmucks in soziale Handlungsgeflechte und sechstens seine Thematisierung und Reflexion auf sprachli-chen Diskursebenen. Über die gesamte Laufzeit erstellt das Projektteam ein Handbuch des mittelalterlichen Buch-schmucks, für dessen Beiträge Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Fächern herangezogen werden. In regelmässigem Turnus finden internationale Konferenzen zu zentralen Fragen des Projekts und kleinere Workshops zu den Themen der Teilprojekte statt.
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