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„Spolem!“/„Gemeinsam!“: Die Wechselbeziehung zwischen Literatur und Sozialwissenschaften in Polen um 1900 und ihre Nachwirkungen

English title „Spolem!“/„Together!“: The Interrelation of Literature and the Social Sciences in Poland around 1900 and Its Impact
Applicant Herlth Jens
Number 179029
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Mehrsprachigkeitsforschung und Fremdsprachendidaktik Universität Freiburg
Institution of higher education University of Fribourg - FR
Main discipline Other languages and literature
Start/End 01.11.2018 - 31.10.2022
Approved amount 499'739.00
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All Disciplines (2)

Discipline
Other languages and literature
Sociology

Keywords (11)

soziales Band / lien social; Literatur und soziales Engagement in Polen um 1900; Polnische Literatur um 1900; life writing; Florian Znaniecki; Stefan Zeromski; Janusz Korczak; Edward Abramowski; Maria Dabrowska; Ludwik Krzywicki; Literatur und Sozialwissenschaften

Lay Summary (German)

Lead
Ende des 19. Jahrhunderts gab es im geteilten Polen einen intensiven Austausch zwischen Soziologie und Literatur. Soziologen äusserten sich zu Fragen der Literatur und Ästhetik -Schriftsteller griffen in ihrer Beschreibung der Gesellschaft auf soziologische Konzepte zurück. Beide Gruppen verband das gemeinschaftliche soziale Engagement.
Lay summary
Das Projekt untersucht zum einen, inwiefern Forscher wie Edward Abramowski, Kazimierz Kelles-Krauz, Ludwik Krzywicki, und Florian Znaniecki u.a. sich in ihren soziologischen Arbeiten von der Literatur inspirieren liessen. Es zeigt zum anderen, dass viele Schriftsteller im Polen der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und darüber hinaus soziologische Interessen verfolgten und in ihren Werken literarische Imagination mit soziologischer Beschreibung vermischten (z.B. Janusz Korczak, Maria Dabrowska). Die Theorien und Praktiken der literarischen Arbeit, der soziologischen Forschung und nicht zuletzt des gesellschaftlichen Engagements, die in diesem Umfeld entstanden, entfalteten im Polen des 20. Jahrhunderts eine nachhaltige Wirkung. Das zeigt sich zum Beispiel in der ausserordentlichen Bedeutung von Tagebuch- und Memoirenprojekten in der Literatur und Gesellschaft der Zwischenkriegszeit, aber auch in den Begriffen und Konzepten, mit denen in Polen bis heute über das Problem des „sozialen Bands“, des sozialen Zusammenhalts debattiert wird. Hier lässt sich eine Linie von den frühen Romanen Stefan Zeromskis, über die Publizistik im Umfeld der Genossenschaftsbewegung der Zwischenkriegszeit bis hin zu den Vordenkern der Gewerkschaft „Solidarnosc“ (Solidarität) aufzeigen.
Das Projekt rekonstruiert den Beitrag der Literatur zur Geschichte der Sozialwissenschaften in Polen. Es weist darüber hinaus nach, dass in bestimmten historischen Konstellationen literarisch geprägte Formen des Sprechens und Verhaltens, des Fühlens und des sozialen Beisammenseins ‚echte‘, nachprüfbare Auswirkungen in der sozialen Praxis haben.
Direct link to Lay Summary Last update: 08.05.2018

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Abstract

Im geteilten Polen bestand um 1900 ein vitaler Zusammenhang aus soziologisch interessierten und sozial engagierten Forschern und Literaten. Die sozialwissenschaftlichen Disziplinen entwickelten gerade erst ihr Profil und führten an den Universitäten der verschiedenen Teilungsgebiete eine allenfalls marginale Existenz. Gleichzeitig nahmen soziologische, sozialphilosophische oder sozialpsychologische Studien eine zentrale Stellung in den intellektuellen Debatten ein. Forscher wie Edward Abramowski (1868-1918), Kazimierz Kelles-Krauz (1872-1905) oder Ludwik Krzywicki (1859-1941) bewegten sich zwischen Westeuropa, Kongresspolen und Galizien und agierten in einem Feld zwischen Wissenschaft, Publizistik und politischem Aktivismus. Sie leisteten auch international beachtete Beiträge zur soziologischen und anthropologischen Forschung. Prägende Figuren der Soziologie und der Sozialanthropologie des 20. Jahrhunderts wie Florian Znaniecki (1882-1958) oder Bronislaw Malinowski (1884-1942) unternahmen ihre ersten wissenschaftlichen Schritte in diesem Milieu oder in seinem weiteren Umfeld.Im selben Kontext wie die engagierten Soziologen bewegten sich Schriftsteller und Literaturkritiker, die in ihren Arbeiten soziologische und auch ‚sozialpädagogische‘ Interessen verfolgten. Die Erkenntnisinteressen und die sozialen Anliegen der Wissenschaftler und Schriftsteller konvergierten; eine klare Trennlinie zwischen literarisch-fiktionalem und wissenschaftlich-faktualem Schreiben ist in dieser Zeit nicht zu ziehen. Entscheidende Entwicklungen, die die polnische Gesellschaft selbst und zugleich das polnische Verständnis von dem, was ‚Gesellschaft‘ ist, über Jahrzehnte prägen sollten, nahmen hier ihren Anfang. Unser Projekt will keine Wissenschaftsgeschichte der polnischen Sozialwissenschaften schreiben. Uns geht es um die methodischen und didaktischen Interferenzen zwischen der Literatur und dem soziologischen Denken der Epoche. Wir werden zeigen, wie die Schriftsteller für ihre literarischen Repräsentationen der Gesellschaft auf soziologische Modelle zurückgriffen - und wie Sozialwissenschaftler in ihren Texten mit literarischen (narrativen, figuralen, stilistischen) Verfahren operierten, auf literarisch produziertes Wissen und auf literarisch geprägte und vermittelte kulturelle Praktiken rekurrierten. Das Projekt besteht aus einem Rahmenprojekt und zwei Subprojekten. Das Rahmenprojekt behandelt grundsätzliche theoretische Fragen und zeigt die produktive Wechselbeziehung von literarischer Empirie und soziologischer Imagination in der polnischen Kultur der Jahrhundertwende auf. Subprojekt A untersucht die Geschichte der biographischen Methode in der polnischen Soziologie des 20. Jahrhunderts im Hinblick auf die Konjunktur von Tagebuch- und Memoirenprojekten in der Zwischenkriegszeit und darüber hinaus. Subprojekt B zeichnet die Geschichte einer polnischen Theorie und Praxis des „sozialen Bandes“ nach und konstruiert eine Linie von den soziologischen Theorien der Jahrhundertwende und den frühen Romanen Stefan Zeromskis, über die Publizistik im Umfeld der Genossenschaftsbewegung der Zwischenkriegszeit bis hin zu den Vordenkern der „Solidarnosc“.Wir werden den entscheidenden Einfluss literarisch geprägter Vorstellungen und Praktiken auf die sozialwissenschaftliche Theoriebildung und Forschungspraxis sowie auf die Formen des gesellschaftlichen Engagements im Polen des 20. Jahrhunderts aufzeigen.
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