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Zur poetischen Neuschreibung der romantischen 'Philosophie der Tat' in Polen: Norwid, Brzozowski und Sztuka i Naród

English title Toward a Rewriting of romantic 'philosophy of act' in Poland: Norwid, Brzozowski, and Sztuka i Naród
Applicant Zehnder Christian
Number 167730
Funding scheme Advanced Postdoc.Mobility
Research institution University of Chicago Department of Slavic Languages and Literatures
Institution of higher education Institution abroad - IACH
Main discipline Other languages and literature
Start/End 01.09.2016 - 31.08.2018
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Keywords (10)

Polish literature; poetry; philosophy of act; Romanticism; political imagination; aesthetics; ethical criticism; Cyprian Norwid; Stanislaw Brzozowski; Sztuka i Naród (Art and Nation)

Lay Summary (German)

Lead
Das Forschungsvorhaben nimmt drei Positionen der polnischen Literatur zwischen 1848 und 1945 in den Blick, die in Auseinandersetzung mit der romantischen ,Philosophie der Tat‘ zu einer poetischen Neuschreibung derselben gelangen: jene des Spätromantikers Cyprian Norwid (1821-1883), des Kritikers Stanislaw Brzozowski (1878-1911) und der Dichter im Umfeld der Untergrund-Zeitschrift „Sztuka i Naród“ (Kunst und Nation, 1942-1944).
Lay summary

Mit der polnischen Romantik verbindet sich ein Paradigma der ,Tat‘, das im kulturellen Selbstverständnis und in den politischen Polemiken Polens bis heute nachwirkt. In der Situation der staatlichen Nicht-Existenz wurde eine Kultur des Aktivismus seit den 1820er Jahren zum intellektuellen Postulat. Die in diesem Klima entstehende sogenannte ‚Philosophie der Tat‘ wird in der polnischen Literaturwissenschaft meist einer nationalistischen Weltanschauung zugeordnet, der politisch liberale und ästhetisch avantgardistische Konzepte entgegenstehen. Das Forschungsvorhaben versucht sich einer solchen Polarisierung zu entziehen und gerade das poetische Potential des Aktivismus auszuloten. Charakteristisch für die drei untersuchten Fälle Norwid, Brzozowski und Sztuka i Naród ist, dass sie die utopisch-aktivistischen Entwürfe des romantischen Denkens als künstlerisches Material neu modellieren. Entsprechend konfrontiert das Projekt die ‚Philosophie der Tat‘ mit Methoden, die Literatur selbst als ‚Akt‘ (performance studies) oder als ausagierte ‚Ethik‘ (ethical criticism) auffassen. Durch die innovative Verschränkung von Ideengeschichte und Poetologie wird das Problem des polnischen Aktivismus neu gestellt – als Fall einer höchst bewegten Interaktion zwischen politischer Imagination und Ästhetik. Im ersten Jahr des Stipendiums (Universität Warschau) stand die Gewinnung der ‚Tat‘ als ästhetischer Kategorie im Vordergrund. Im zweiten Jahr des Stipendiums (University of Chicago) galt ein besonderes Interesse der Figur der ‚Verkleinerung‘ der Tat im Sinne ihrer Antizipation, Simulation, Modellierung – einer ‚experimentellen‘ Phase. Bei Wahrung der ‚innerliterarischen‘ Fragestellung hat sich so die Perspektive auf eine zukünftige gesellschaftliche Praxis neu eröffnet. Das Forschungsvorhaben leistet jenseits fachlicher Verengungen und ideologischer Verpflichtungen einen Beitrag zu einer zeitgemässen Literaturwissenschaft.

Direct link to Lay Summary Last update: 12.10.2018

Responsible applicant and co-applicants

Publications

Publication
Inny aktywizm w "Historii i czynie" Tadeusza Gajcego, czyli powrót Norwida na marginesach "Sztuki i Narodu"
Zehnder Christian (2017), Inny aktywizm w "Historii i czynie" Tadeusza Gajcego, czyli powrót Norwida na marginesach "Sztuki i Narodu", in Przegląd Humanistyczny, 61(4), 65-77.
„Tatarski czyn” Norwida między hierarchią a erupcją (semantyka, konteksty, konsekwencje)
Zehnder Christian, „Tatarski czyn” Norwida między hierarchią a erupcją (semantyka, konteksty, konsekwencje), in Studia Norwidiana, 37 (2019).
Kampf mit dem Sentiment. Aktivismus und Nostalgie bei den polnischen Dichtern des 'Jahrgangs 1920' (der Fall von "Sztuka i Naród")
Zehnder Christian, Kampf mit dem Sentiment. Aktivismus und Nostalgie bei den polnischen Dichtern des 'Jahrgangs 1920' (der Fall von "Sztuka i Naród"), in Wiener Slawistischer Almanach.
Tätiger Augenblick: Zur "poetischen Ethik" in Stanisław Brzozowskis "Legende des Jungen Polen"
Zehnder Christian, Tätiger Augenblick: Zur "poetischen Ethik" in Stanisław Brzozowskis "Legende des Jungen Polen", in Zeitschrift für Slavische Philologie.

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
„Wahrheit“ und Erzählung. Verschwörungen und Verschwörungstheorien in osteuropäischen Kulturen und Literaturen Talk given at a conference Norwids Kritik der "konspirativen Intelligenz" 08.06.2018 Salzburg, Austria Zehnder Christian;
Gastvortrag, Institut für Slavische Philologie, LMU Individual talk Das kleinste Allgemeine. Cyprian Norwids Redimensionierung der romantischen 'Tat' 07.06.2018 München, Germany Zehnder Christian;
Public Lecture, Department of Slavic Languages and Literatures Individual talk The Smallest Universality: Cyprian Norwid's Resizing of the Romantic Deed 29.05.2018 Chicago, United States of America Zehnder Christian;
Romanticism: A Point of Contention, Past and Present Talk given at a conference Lyricism as a Polemical Term: Norwid, Brzozowski, and "Art and Nation" 10.10.2017 Warschau, Poland Zehnder Christian;
Dramaty Cypriana Norwida. Teksty – konteksty – interteksty Talk given at a conference Kamienie i gesty. O 'tyrteizmie' w Norwidowym "Tyrteju" 09.10.2017 Warschau, Poland Zehnder Christian;
Zebranie Pracowni Poetyki Historycznej IBL PAN Individual talk "Tatarski czyn" Norwida między hierarchią a erupcją (semantyka, konteksty, konsekwencje) 21.06.2017 Warschau, Poland Zehnder Christian;
Colloquia Norwidiana XV Talk given at a conference "Tatarski czyn" między hierarchią a erupcją [Der "tatarische czyn" zwischen Hierarchie und Eruption] 17.05.2017 Kazimierz Dolny, Poland Zehnder Christian;
Nostalgie. Ein kulturelles und literarisches Sehnsuchtsmodell Talk given at a conference Kampf mit dem Sentiment. Nostalgie als Kriterium des Aktivismus bei den polnischen Dichtern der ‚Generation 1920‘ (der Fall von Sztuka i Naród) 06.04.2017 München, Germany Zehnder Christian;
ASEEES Annual Convention Talk given at a conference How Somatic is Norwid's Sculptural Imagination? 17.11.2016 Washington, D.C., United States of America Zehnder Christian;


Abstract

Mit der polnischen Romantik verbindet sich ein Paradigma der ‚Tat‘, das im kulturellen Selbstverständnis Polens bis heute nachwirkt. In der Situation der staatlichen Nicht-Existenz wurde eine Kultur des ‚Aktivismus‘ zum intellektuellen Postulat. Dieses äusserte sich ab den 1830er Jahren in einer ‚Philosophie der Tat‘ (filozofia czynu), die immer schon in Wechselwirkung mit der literarischen Praxis der Romantiker stand. In ihren Werken verfolgten Philosophen wie August Cieszkowski, Bronislaw Trentowski oder Karol Libelt eine ‚aktivistische‘ Überschreitung von Hegels System. In Maurycy Mochnackis literaturkritischen Schriften aus den Jahren vor und nach dem Novemberaufstand (1830/31) oder dann in Adam Mickiewiczs Pariser Vorlesungen (1840-1844) wird die Tat zur programmatischen Kategorie. Noch die hermetisch-religiöse Doktrin Andrzej Towianskis hat ihren Fluchtpunkt in einem mystisch konzipierten Begriff der Tat.Das Forschungsvorhaben nimmt drei Positionen der polnischen Literatur zwischen 1848 und 1945 in den Blick, die in intensiver, oft polemischer Auseinandersetzung mit der romantischen Philosophie der Tat zu einer poetischen Neuschreibung derselben gelangen: jene des Spätromantikers Cyprian Norwid (1821-1883), des Philosophen, Schriftstellers, Kritikers Stanislaw Brzozowski (1878-1911) sowie der Dichter und Kritiker im Umfeld der nationalistischen Untergrund-Zeitschrift "Sztuka i Naród" (Kunst und Nation, 1942-1944). In dem Masse, wie die romantische Tat in einer Angleichung der Welt an das „Wort“ bestand - so Brzozowski in seiner "Philosophie der polnischen Romantik" von 1905 -, ist sie auch eine genuin poetologische Kategorie. Dies hatte als wohl erster Norwid in seiner komplexen Aneignung der grossen ‚prophetischen‘ Vorläufer so gesehen, und später wieder der junge Dichter Andrzej Trzebinski (1922-1943), wenn er im okkupierten Warschau die poetische Form mit Brzozowski und Norwid als „Ethik“ der Tat beschreibt. Die poetische Transformation, so die These, erweist sich in den drei untersuchten Positionen gerade als höchstmögliche Konkretisierung der Philosophie der Tat. Das aktivistische Paradigma wird zum Anlass, die kulturelle und soziale Wirksamkeit von Kunst zu steigern - bei gleichzeitiger Abgrenzung gegen propagandistische Vereinnahmung. Die Imaginationen der Tat reichen von teils laborartigen Simulationen (Norwid) über quasi-asketische Internalisierungen (Brzozowski) bis zu scheinbar voraussetzungslosen Total-Neuentwürfen der Welt (Sztuka i Naród). In der Polonistik wird die Philosophie der Tat konventionellerweise einem romantisch-nationalistischen Literaturverständnis zugeordnet, dem auf der einen Seite das positivistische Ideal der ‚organischen Arbeit‘, auf der anderen das (post-)moderne Konzept einer ‚linguistischen Dichtung‘ entgegensteht. Das Forschungsvorhaben versucht sich einer solchen Polarisierung zu entziehen und gerade das poetische Potential der Auseinandersetzung mit der Philosophie der Tat auszuloten. Es konfrontiert Beschreibungen der Philosophie der Tat als Ideenbestand mit Methoden, die Literatur selbst als ‚Akt‘ oder als ausagierte ‚Ethik‘ auffassen. Durch seinen neuen Ansatz leistet das Forschungsvorhaben so einen innovativen Beitrag zum schwierigen, bis heute ideologisch behafteten Erbe des polnischen ‚Aktivismus‘.
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