Project

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Leben wiederverwerten. Prozesse produktiver Transformation in Robert Walsers 'Kleiner Prosa' zwischen Biographismus, Biopolitik und Vitalismus

English title Recycling Life. Productive Transformation Procedures in Robert Walser's 'Little Prose' between Biographism, Biopolitics and Vitalism
Applicant Thüring Hubert
Number 162849
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Deutsches Seminar Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline German and English languages and literature
Start/End 01.10.2015 - 31.01.2018
Approved amount 137'485.00
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All Disciplines (5)

Discipline
German and English languages and literature
Philosophy
Swiss history
General history (without pre-and early history)
Communication sciences

Keywords (8)

life-writing; mass media; recycling; biographism; biopolitics; vitalism; philological research; Robert Walser

Lay Summary (German)

Lead
Der Schriftsteller Robert Walser schreibt im Kontext des Ersten Weltkriegs, der zeitgenössischen Massenmedien sowie der aufstrebenden Ökologie eigene Feuilleton- und Zeitschriftenbeiträge zu Prosasammlungen um; seine literarisch-rezyklierende Produktion lotet damit die Bedingungen und Chancen eines Leben-Schreibens der 1910er Jahre aus.
Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

Kleine Prosa (1917) stellt die Frage nach der ‚Darstellbarkeit‘ von Leben. Das Projekt geht ihr nach, indem es erstens die in den Massenmedien dominanten Lebensbegriffe analysiert und so in den literarischen Zeitschriften den Biographismus, in der Tagespresse die Biopolitik verortet. Dabei zeigt es, wie Walsers Beiträge in diesen Medien die Problematik der Verwertung reflektieren. Neben der Schreibbarkeit von Leben ist auch die Lebbarkeit dieses Schreibens zu beleuchten: Zweitens wird untersucht, wie die Textproduktion für den Verfasser ökonomische, politische und kulturelle Überlebens-Relevanz erlangt. Die eigenen Bedingungen werden im Vorgang des Umschreibens hin zur Buchpublikation zum Ausgangspunkt eines produktiven Prozesses gemacht, der das Leben als Schreibbares erst gestaltend hervorbringt. Drittens zeigt das Projekt die Verschränkung des Umschreibens mit dem Wiederverwerten. Dabei wird deutlich, wie die in den Zeitungen allgegenwärtigen Aufrufe zum kriegsbedingten Recycling durch die Diskurse der Zeitschriften zum jungen ökologischen Vitalismus ihre theoretische Fundierung erhalten. Für diesen spielt die Sprache des Künstlers die entscheidende Rolle bei der Neugestaltung wertvoller Bezüge zwischen bestehenden Zuständen. Anhand von Textvariantenvergleichen wird konkret gezeigt, welche rhetorisch-poetischen Strategien Walser anwendet, um zuvor in sich verschlossene Lebenskonzeptionen im Sammelband aneinander anschlussfähig zu machen – und damit wiederzuverwerten. In der Reflexion des letzten Teils fragt das Projekt nach dem spezifisch ästhetischen Wert eines zunächst von der Ökologie geleiteten Unterfangens.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Das Projekt verbindet editionswissenschaftliche Einsichten mit kulturwissenschaftlichen Ansätzen und einer ästhetischen Reflexion. Es erweitert die unbequeme Frage nach dem Wert des Lebens unter den Vorzeichen der Biopolitik um eine aktuelle ökologische Dimension.

 

 

Direct link to Lay Summary Last update: 02.10.2015

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Name Institute

Publications

Publication
Walsers Wasser. Aggregatzustände im Lebenselixier des Schreibens
Lötscher Rebecca, Schaffner Michael (2017), Walsers Wasser. Aggregatzustände im Lebenselixier des Schreibens, in Kritische Ausgabe - Zeitschrift für Literatur im Dialog, 32, 19-24.
"daß goldenes / Anfängliches uns nie verläßt." Beiträge der jungen Robert Walser-Forschung
Gloor Lukas, Lötscher Rebecca (ed.), "daß goldenes / Anfängliches uns nie verläßt." Beiträge der jungen Robert Walser-Forschung.
"Wovon freilich besser nie die Rede wäre." Antibiographische Abenteuer auf hermeneutischem Grund bei Robert Walser
Lötscher Rebecca, "Wovon freilich besser nie die Rede wäre." Antibiographische Abenteuer auf hermeneutischem Grund bei Robert Walser, in Gloor Lukas, Lötscher Rebecca (ed.).

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Schreibszenen (TU Dortmund), um Prof. Dr. Martin Stingelin Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Schweizerische Studienstiftung Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Industry/business/other use-inspired collaboration
Yale University, Department of German Languages and Literatures, Chair: Prof. Dr. Rüdiger Campe United States of America (North America)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Research Infrastructure
Robert Walser-Zentrum und Schweizerisches Literaturarchiv (Bern) Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Research Infrastructure
Kritische Robert Walser-Ausgabe (Basel, Zürich) Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
- Research Infrastructure

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
"daß goldenes / Anfängliches uns nie verläßt." 1. Treffen junger Robert Walser-Forschender Talk given at a conference Lebensumständlichkeiten um 1900 07.04.2017 Basel, Switzerland Lötscher Rebecca;
Lunch Lecture Universität Stuttgart Individual talk Das Unbehagen mit Robert Walsers früher Lyrik und die Dimensionen der Interpretation. Ein Forschungsbericht 08.02.2017 Universität Stuttgart, Germany Thüring Hubert;
Forschungskolloquium Deutsches Seminar der Universität Basel Talk given at a conference Konditionen des Marktes im Schreibprozess 'Kleiner Prosa' 25.11.2015 Basel, Switzerland Lötscher Rebecca;
Zur Renaissance kontextualisierender literaturwissenschaftlicher Methoden Talk given at a conference Vom ökonomischen 'Markt der Kurzgeschichten' und einem Versuch ökologischer Wiederverwertung – in Robert Walsers 'Kleiner Prosa' 30.10.2015 Bern, Switzerland Lötscher Rebecca;


Self-organised

Title Date Place
"daß goldenes / Anfängliches uns nie verläßt." 1. Treffen junger Robert Walser-Forschender 07.04.2017 Basel, Switzerland

Communication with the public

Communication Title Media Place Year
Talks/events/exhibitions Hubert Thüring: Vortrag im Rahmen der Robert Walser-Sculpture von Thomas Hirschhorn, Biel Western Switzerland German-speaking Switzerland International 2018
Talks/events/exhibitions Rebecca Lötscher: Vortrag im Rahmen der Robert Walser-Sculpture von Thomas Hirschhorn, Biel German-speaking Switzerland International Western Switzerland 2018
Talks/events/exhibitions Walser Vibes im Labyrinth German-speaking Switzerland 2017

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
146733 Kritische Robert Walser-Ausgabe 01.04.2013 Project funding (special)

Abstract

Projekttitel: „Leben wiederverwerten. Prozesse produktiver Transformation in Robert Walsers ,Kleiner Prosa‘ zwischen Biographismus, Biopolitik und Vitalismus“Robert Walser lebt und schreibt im Schatten des Ersten Weltkriegs und unter dem Diktat knapper Ressourcen, im Sog der Massenmedien und im Zeichen der aufkommenden Ökologie. Es sind Bedingungen, welche die individuelle wie kollektive Existenz dem Imperativ des Wertes, der Verwertung und der Wiederverwertung aussetzen. Das Projekt möchte zeigen, wie Walser diese Kontexte in sein Schreiben aufnimmt und darin neue Formen und Kräfte des Lebens entwickelt, welche aus den reduktionistischen und repressiven Bedingungen neue Möglichkeiten der Existenz schaffen.Dies geschieht, so die These, mittels ästhetischer Verfahren des Um- und Neuschreibens von Texten, also Verfahren der Wiederverwertung, welche die inneren und äußeren Prozesse des Lebens, vom individuellen biologischen Körper über den praktischen Alltag bis zur politischen Regie, in die Prozesse des Schreibens selbst integrieren, die ihrerseits Leben als Stoff und Form (wieder-)verwerten und neu hervorbringen. Anhand von Walsers ‚Kleiner Prosa‘ der 1910er Jahre lässt sich ganz konkret beobachten, wie das serielle Verfassen von Feuilletontexten und ihre Wiederverwertung und Neuschreibung für eigenständige Sammlungen als konkrete (Über-)Lebenspraxis im politisch-sozialen, ökonomischen sowie wissenschaftlich-technischen Kontext, den die Zeitungen und Zeitschriften indizieren, funktioniert. Das Projekt knüpft ausgehend von der Problematik des ,Leben-Schreibens‘ einerseits an den breiteren wissenschaftlichen Forschungsbereich an, der das Verhältnis von Effizienzsteigerung (versus Leerlauf) und Regulation (versus Individuation) untersucht (vgl. das nationale Forschungsprogramm „Steuerung des Energieverbrauchs“). Andererseits fragt es praktisch-philosophisch nach dem Erkenntniswert der Literatur für das ‚gute Leben‘. Mit kulturwissenschaftlichem Blick gilt es, die in Walsers Texten und den Ko-Texten der Zeitungen und Zeitschriften wirksamen zeitgenössischen Diskurse in ihrer Vernetzung zu beschreiben und insbesondere unter den Aspekten des literarischen Biographismus, des philosophischen Vitalismus und der Biopolitik zu fokussieren. Schließlich werden die Poetik der Einzeltexte im Prozess der Entstehung und Umschreibung sowie die Komposition der Sammlung(en) philologisch-textkritisch und rhetorisch-stilistisch analysiert und poetologisch reflektiert. Im Spannungsfeld zwischen der Schreibbarkeit des Lebens und der Lebbarkeit des Schreibens sieht die Analyse folgende vier Schritte vor:1. Zunächst gilt es, die Bedingungen einer Wiederverwertung des Lebens in den zeitgenössischen Diskursen der Tagespresse unter der Perspektive der Biopolitik und in den literarischen Diskursen der Zeitschriften unter der Perspektive des Biographismus zu verorten. Die meisten Texte Walsers sind zunächst in diesen Medien und nicht als literarisches Buch erschienen. Es wird zu zeigen sein, wie seine Feuilletons und Zeitschriftenbeiträge die Problematik der Verwertung in zugespitzter Form reflektieren und wie sie als Ausgangsmaterial eines Recyclingprozesses hin zur Buchpublikation dienen.2. In einem zweiten Schritt soll unter dem Aspekt des Biographischen und mit dem Konzept der Autofiktion untersucht werden, wie das Umschreiben unter den sich verändernden Schreibbedingungen als vita activa für den Schreibenden ökonomische, politische und kulturelle Überlebens-Relevanz erlangen. Diese Bedingungen werden im Vorgang des Umschreibens zugleich reflektiert und zum Ausgangspunkt eines produktiven Prozesses gemacht, der das Leben als Erzähl- oder Schreibbares erst hervorbringt und das Schreiben zur Lebbarkeit gestaltet. Dabei muß dieses Leben-Schreiben unter den technologischen Bedingungen seines Veröffentlichungszusammenhangs in den Massenmedien, aber auch als reflektierte Wiederverwertung der biopolitischen Kontexte verstanden werden.3. In einem dritten Schritt wird anhand des Sammelbandes Kleine Prosa untersucht, wie diese Bedingungen konkret produktiv gemacht werden: Die Umarbeitungen werden auf der Grundlage des kriegsbedingten Recyclings und der vitalistischen Biologie (A. Koelsch) als die Biopolitik verkehrende auktoriale Strategien verstanden; diese Umarbeitung kann bis in die rhetorisch-poetische Faktur der Texte hinein analysiert werden. 4. In einer abschliessenden theoretischen Reflexion sollen die Schreibverfahren Walsers in die zeitgenössische Ökologie (J. v. Uexküll) und Kulturphilosophie (E. Cassirer) eingebettet werden, um insbesondere mit der ‚symbolischen Form‘ der Kunst nach dem spezifisch ästhetischen Verfahren von Walsers Leben-Schreiben und dessen spezifischem Ort im Dispositiv der Werte und Verwertungen zu fragen.
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