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‚Christian Kracht‘ als Herausforderung für die literarische Öffentlichkeit. Diskursstörungen und Werkzusammenhang

Applicant Lorenz Matthias N.
Number 159431
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Institut für Germanistik Universität Bern
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline German and English languages and literature
Start/End 01.06.2015 - 31.05.2018
Approved amount 170'163.00
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Keywords (14)

Störung; Christian Kracht; Gegenwartsliteratur; Intertextualität; Literarisches Feld / Feldtheorie; Popliteratur; Political Correctness; Autorschaft; Literaturbetrieb; Literaturkritik; Ironie; Selbstinzensierung; Erzähltheorie; Intermedialität

Lay Summary (German)

Lead
Christian Kracht ist einer der erfolgreichsten Schweizer Autoren der Gegenwart, zugleich werden seine Auftritte und Werke immer wieder als Störungen wahrgenommen und skandalisiert. Woran liegt das, wie 'funktioniert' das Gesamtkunstwerk 'Christian Kracht' eigentlich - und was sagen die heftigen Reaktionen, die es hervorruft, eigentlich über den deutschsprachigen Literaturbetrieb aus?
Lay summary

Kracht stört. Zyklisch wird der Autor zum Gegenstand von Debatten, die oft eher politisch-moralischer als literarischer Natur sind. Das Projekt, dass die Autorinszenierung und das Gesamtwerk Christian Krachts erstmals systematisch in den Blick nimmt, untersucht diese Störung sowohl produktions- wie rezeptionsseitig: Welche Elemente der medialen Auftritte der Autorfigur 'Christian Kracht' provozieren welche Übereinkünfte, die im deutschsprachigen Literaturbetrieb gelten? Und welche Elemente der Störung finden sich in den Texten selbst (von der verschleierten Autorschaft über 'gestörte' intertextuelle Bezugnahmen bis hin zur bewussten Platzierung von Fehlern inhaltlicher wie sprachlicher Art)? Lassen sich im Werkzusammenhang auch Strategien der Ent-Störung beobachten, wenn etwa der jeweilige Folgeroman die Vorwürfe gegen ein Werk (z.B. Homophobie, Eurozentrismus, Antisemitismus) aufnimmt und widerlegt? Das allemal eigenwillige Autor- und Schreibphänomen 'Christian Kracht' soll hinsichtlich der eingesetzten literarästhetischen und medialen Verfahren beschrieben werden und dient zugleich als eine Art Senkblei zur Untersuchung der herrschenden Regeln im literarischen Feld der Gegenwart.

‚Christian Kracht‘ als Herausforderung für die literarische Öffentlichkeit schließt an die Berner Kracht-Bibliografie (hrsg. v. Matthias N. Lorenz, Aisthesis Verlag 2014) an, die erstmals das Gesamtwerk des Autors inklusive seiner frühesten und der journalistischen Texte und die gesamte internationale Forschungslage erschlossen hat und im SNF-Projekt fortgeführt wird.

Direct link to Lay Summary Last update: 27.03.2015

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
"Der Name des Sterns ist Wermut." Christian Krachts und Eckhart Nickels Reise an den Reaktor im Kontext der deutschen Literatur über Tschernobyl (Wolf, Kluge, Meckel)
Lorenz Matthias N. (2018), "Der Name des Sterns ist Wermut." Christian Krachts und Eckhart Nickels Reise an den Reaktor im Kontext der deutschen Literatur über Tschernobyl (Wolf, Kluge, Meckel), in Lorenz Matthias N./Riniker Christine (ed.), 637-661.
„Die Ironie verdampft ungehört“. Implizite Poetik in Christian Krachts Die Toten (2016)
Riniker Christine (2018), „Die Ironie verdampft ungehört“. Implizite Poetik in Christian Krachts Die Toten (2016), in Lorenz Matthias N./Riniker Christine (ed.), Frank & Timme, Berlin, 71-119.
Christian Kracht liest "Heart of Darkness". Zur Funktion einer intertextuellen Bezugnahme
Lorenz Matthias N. (2018), Christian Kracht liest "Heart of Darkness". Zur Funktion einer intertextuellen Bezugnahme, in Lorenz Matthias N./Riniker Christine (ed.), 421-453.
Christian Kracht revisited. Irritation und Rezeption
Lorenz Matthias N./Riniker Christine (ed.) (2018), Christian Kracht revisited. Irritation und Rezeption.
Christian Kracht revisited. Jenseits des Unbehagens – Vorwort
Lorenz Matthias N./Riniker Christine (2018), Christian Kracht revisited. Jenseits des Unbehagens – Vorwort, in Lorenz Matthias N./Riniker Christine (ed.), Frank & Timme, Berlin, 11-16.
Christian Kracht: "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" (2008) – Passing als Rassismuskritik. Mit einem Exkurs zu "Imperium" (2012)
Lorenz Matthias N. (2017), Christian Kracht: "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" (2008) – Passing als Rassismuskritik. Mit einem Exkurs zu "Imperium" (2012), in Lorenz Matthias N. (ed.), 390-406.
„Au weia. Kein Frühstück ohne Papaya.“ Poetiken des Pazifiks bei Christian Kracht und Hans Christoph Buch
Lorenz Matthias N. (2017), „Au weia. Kein Frühstück ohne Papaya.“ Poetiken des Pazifiks bei Christian Kracht und Hans Christoph Buch, in Görbert Johannes/Kumekawa Mario/Schwarz Thomas (ed.), 461-479.
„Antics right- and leftwing“. Autorschaftsinszenierung und Diskursstörungen in Christian Krachts und David Woodards Five Years (2011)
Riniker Christine, „Antics right- and leftwing“. Autorschaftsinszenierung und Diskursstörungen in Christian Krachts und David Woodards Five Years (2011), in German Monitor.
Störung und ‚Entstörung‘ in Christian Krachts und Eckhart Nickels Gebrauchsanweisung für Kathmandu und Nepal (2009/2012). Zu einer Poetik des „Knowing without going“
Lorenz Matthias N./Riniker Christine, Störung und ‚Entstörung‘ in Christian Krachts und Eckhart Nickels Gebrauchsanweisung für Kathmandu und Nepal (2009/2012). Zu einer Poetik des „Knowing without going“, in Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 25 (2018)(49).

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
DFG-Projekt "Die Adlon Tapes: Zur Textgenese von Tristesse Royale", Universität Siegen Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Christian Krachts Ästhetik Talk given at a conference Dandys in der Todeszone: "Der Name des Sterns ist Wermut" – oder: Der Storer Kracht 18.05.2018 Goethe-Universität Frankfurt, Germany Lorenz Matthias N.;
Christian Krachts Ästhetik Talk given at a conference „‚In Search of a Character‘. Christian Krachts Selbstinszenierungspraktiken im Autorenfoto“ 18.05.2018 Goethe-Universität Frankfurt, Germany Riniker Christine;
New Order. Zur Kippfigur Ordnung/Störung Talk given at a conference "Knowing without going"? Zu Störung und ‚Entstörung‘ in Christian Krachts und Eckhart Nickels Gebrauchsanweisung für Kathmandu und Nepal (2009) und der überarbeiteten und ergänzten Neuausgabe (2012) 16.11.2017 Technische Universität Dresden , Germany Lorenz Matthias N.; Riniker Christine;
Jenseits des Unbehagens: Christian Kracht revisited Talk given at a conference „Die Ironie verdampft ungehört". Implizite Poetik in Christian Krachts Die Toten (2016) 13.10.2016 Universität Bern, Switzerland Riniker Christine;


Self-organised

Title Date Place
Jenseits des Unbehagens: Christian Kracht revisited 13.10.2016 Universität Bern, Switzerland
Pazifikliteratur um 1800/um 2000 12.03.2016 Universität Bern, Switzerland

Communication with the public

Communication Title Media Place Year
Media relations: print media, online media Einführungstext Programmheft: "Die Toten" – Filmreise durch einen Roman Programmheft Kino REX Bern German-speaking Switzerland 2018
Talks/events/exhibitions Einführungsvortrag zur Filmreihe: "Die Toten" – Filmreise durch einen Roman German-speaking Switzerland 2018

Abstract

Ein junger Schweizer Autor erobert Mitte der 1990er Jahre mit seinem Erstling und in der Folge mit jedem weiteren Roman breite Leserschichten und generiert einen Grad an Aufmerksamkeit für sein Werk, der in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nahezu ohnegleichen ist. Seine Erfolgsgeschichte wird von den Bestsellerlisten sowie zahlreichen Übersetzungen in fremde Sprachen und Adaptionen seiner Romane für die Bühne dokumentiert. Zugleich avanciert dieser Autor, der 1966 in Saanen im Kanton Bern geborene Christian Kracht, geradezu zu einem Hassobjekt zahlreicher Rezensentinnen und Rezensenten. Zyklisch werden im Feuilleton vorgeblich schwere Verstöße gegen die moralisch legitimierten Grenzen des Sagbaren behauptet, wird der Autor außerhalb des demokratischen Konsens positioniert. Das Unbehagen der Literaturkritik begann 1995 mit den Barbourjackenträgern, die in Faserland jenes 68er-Bashing bereits betrieben, das erst im 40. Jubiläumsjahr der Revolte 2008 üblich wurde, und setzte sich fort mit Krachts Auftritt im schnöselhaften „popliterarischen Quintett“ "Tristesse Royale", seinem Spleen für die Selbstinszenierung des Nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il in "Die totale Erinnerung", seiner Satire über den Sozialismus ("Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten"), seinem Geplänkel über die Arierkolonie Nueva Germania ("Five Years") und dem Vergleich von Adolf Hitler mit dem Kokosnuss-Vegetarier Augustus Engelhardt ("Imperium"). Zuletzt kam der Film "Finsterworld" hinzu, in dem ein Mädchen von ihren Mitschülern beim KZ-Besuch in einen Verbrennungsofen eingesperrt wird, gedreht von Frauke Finsterwalder, geschrieben zusammen mit ihrem Ehemann Christian Kracht. Nicht nur in der NZZ war daraufhin erneut von den „forcierten politischen Unkorrektheiten“ (NZZ, 20.3.2014) Christian Krachts die Rede, der NZZ-Rezensent fühlte sich „wieder an die Debatte um Christian Krachts tatsächliche oder vermeintliche Nähe zu Nazi-Gedankengut anlässlich des Erscheinens seines Romans Faserland Anfang 2012“ erinnert. Es war allerdings "Imperium" und nicht "Faserland", aufgrund dessen Georg Diez seinerzeit im Spiegel befand, Kracht sei der „Céline seiner Generation“ und „der Türsteher der rechten Gedanken“. Der Lapsus des einen wie das völlig schiefe Bild des anderen zeigen an, dass viele professionelle Literaturbeobachter - nicht nur im Feuilleton - auffällig unter ihr Niveau geraten, wenn von diesem Autor die Rede ist. Warum ist das so?Mit den genannten Themen werden Diskurse aufgegriffen, deren Handhabung bei Kracht sich zusammenfassend als Evokationen von Störungen einer normativ gedachten politischen Korrektheit beschreiben lassen: Homophobie, Rechtsradikalismus, Rassismus, Kolonialismus, Eurozentrismus, Antisemitismus, Faszination für Diktaturen, für religiösen und politischen Extremismus. Diese Vorwürfe rühren, so die grundlegende Vorannahme des Projektes, her von falschen Voraussetzungen vonseiten der Rezeption, einer Unkenntnis über den Charakter des Gesamt(kunst)werks (wenn man die Auftritte der Autorfigur mit hinzuzählt) auch unter professionellen Kritikern und Kritikerinnen und einer weitgehenden Ignoranz gegenüber den angewandten literarischen Verfahren. Diese Defizite, die auch Teile des wissenschaftlichen Diskurses um Christian Kracht prägen, gilt es systematisch aufzuarbeiten. Ziel dabei ist nicht die apologetische Verteidigung eines umstrittenen Autors, sondern der Versuch, ein vielleicht neuartiges, allemal eigenwilliges Autor- und Schreibphänomen überhaupt erst erschöpfend auszuleuchten und verstehen zu können. Die einzelnen Manöver der Autorfigur ebenso wie die Skandale, die um sie veranstaltet werden, verstellen oft den Blick für die Machart der Texte, ihren Anspielungshorizont und tieferliegende Fragen, die sie jenseits wohlfeiler Empörung aufwerfen. Durch die textzentrierte, vor allem an der präzisen Beschreibung literarischer Verfahren und inszenatorischer Praktiken interessierte Untersuchung der Kontroversen um Krachts Werk sollen in diesem Projekt Erkenntnisse gewonnen werden, die künftig einen fundierteren Umgang mit den Herausforderungen des Phänomens ‚Christian Kracht‘ ermöglichen. Durch das Verständnis der Texte als Diskursstörungen im Sinne neuerer Überlegungen der Gießener Germanisten Carsten Gansel und Norman Ächtler sollen zugleich die Diskurs-bedingungen des literarischen Feldes offengelegt werden. Das Werk Krachts soll im beantragten Projekt als eine Art Senkblei dienen, das als extremer Regelverstoß besonders deutliche Rezeptionsphänomene hervorruft, die sich auch als entstörende Maßnahmen zur ‚Systemstabilisierung‘ begreifen lassen. So lässt die Literatur als ein gesellschaftliches Beobachtungsmedium zweiter Ordnung (Niklas Luhmann) gerade auch in der Inszenierung dieser Regelverstöße als Verstöße - und zwar auf Seiten von Autor und Text ebenso wie in deren Rezeption - eine Diagnose bezüglich der normativen Dispositive der Gegenwart in Bezug auf gewisse Themen zu.
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