Project

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«Wer ist normal?» Pädagogik und Psychopathologie 1890-1940

English title «Who's normal?» Educational Science and Psychopathology 1890-1940
Applicant Bühler Patrick
Number 159340
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Pädagogische Hochschule Fachhochschule Nordwestschweiz
Institution of higher education Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz - PH-FHNW
Main discipline Educational science and Pedagogy
Start/End 01.09.2015 - 28.02.2019
Approved amount 421'198.00
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All Disciplines (2)

Discipline
Educational science and Pedagogy
Swiss history

Keywords (5)

Psychopathologisches Wissen; Deutschschweiz; 1890-1940; Pädagogik; Bildungsgeschichte

Lay Summary (German)

Lead
Die Verschreibung von Ritalin ist nicht nur ein Dauerthema in der Pädagogik, sondern wird auch breit in Medien und Politik diskutiert. Darüber geht jedoch sehr häufig vergessen, dass Schulkinder nicht allein an ADHS leiden können, sondern Lehrerinnen und Lehrer sich mit vielen anderen, ganz unterschiedlichen psychischen Symptomen und Störungen beschäftigen müssen. Nur seit wann und warum wurden psychische Störungen überhaupt Teil der Schule?
Lay summary

Das Forschungsprojekt untersucht, welches psychopathologische Wissen in der Schweizer Schule um 1900 zu zirkulieren begann. Die Frage «Wer ist normal?», die der bekannte Heilpädagoge Heinrich Hanselmann 1928 stellte, war nämlich schon damals alles andere als leicht zu beantworten. Methodisch kennzeichnet das Projekt die Verbindung zweier Ansätze, die grosse Überschneidungen aufweisen und sich gut kombinieren lassen, nämlich der Wissensgeschichte und der disability history.

Indem das psychopathologische Wissen der Pädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts untersucht wird, erhellt das Projekt die Anfänge des pädagogischen ‹Gesundheitssystems›, die es bis heute prägen. In drei Teilprojekten werden wichtige und bislang kaum untersuchte Aspekte der Psychopathologisierung der Pädagogik analysiert. Das Projekt untersucht

(A) die Ordnung des neuen psychopathologischen Wissens der Pädagogik, die gestellten Diagnosen (wie psychopathische Minderwertigkeit, moral insanity etc.), das als pathologisch beschriebene Verhalten, die medizinischen und pädagogischen Massnahmen, die ergriffen wurden,

(B) die Entstehung und die Aufgaben der neuen, auf verschiedene Formen der Psychopathologie spezialisierten Institution ‹Schulpsychologie/Erziehungsberatungsstelle›

(C) und die eingesetzten psychometrischen und -diagnostischen Verfahren, die das neue psychopathologische Wissen quantifizierten und gleichzeitig dieses Wissen hervorbrachten.

Direct link to Lay Summary Last update: 12.06.2015

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
A weak mind in a weak body? Categorising intellectually disabled children in the nineteenth and early twentieth centuries in Switzerland
Hofmann Michèle (2019), A weak mind in a weak body? Categorising intellectually disabled children in the nineteenth and early twentieth centuries in Switzerland, in History of Education, 1-14.
Schulische Exklusion und Integration/Inklusion. Eine historische Perspektive
HofmannMichèle (2018), Schulische Exklusion und Integration/Inklusion. Eine historische Perspektive, in Die neue Schulpraxis, 2018(2), 8-10.
«Die Entlastung der Klassen von allzu schulhemmenden Elementen bedeutet eine große Erleichterung.» Die Fürsorgestelle für Anormale im Kanton St. Gallen (1939–1943)
WengerNadja (2017), «Die Entlastung der Klassen von allzu schulhemmenden Elementen bedeutet eine große Erleichterung.» Die Fürsorgestelle für Anormale im Kanton St. Gallen (1939–1943), in Bildungsgeschichte. International Journal for the Historiography of Education, 7(2), 205-216.
«Schwachsinnige» Schulkinder als zukünftige BürgerInnen
HofmannMichèle (2017), «Schwachsinnige» Schulkinder als zukünftige BürgerInnen, in traverse. Zeitschrift für Geschichte, 24(1), 42-51.
Education and Psychopathology 1870–1940 – Introduction
HofmannMichèle, BühlerPatrick (2017), Education and Psychopathology 1870–1940 – Introduction, in Bildungsgeschichte. International Journal for the Historiography of Education, 7(2), 133-141.
Schwachbegabt, schwachsinnig, blödsinnig – Kategorisierung geistig beeinträchtigter Kinder um 1900
HofmannMichèle (2017), Schwachbegabt, schwachsinnig, blödsinnig – Kategorisierung geistig beeinträchtigter Kinder um 1900, in Bildungsgeschichte. International Journal for the Historiography of Education, 7(2), 142-156.
«Ihr gebt mich fort, weil ihr mich nicht gern habt.» Gutachten der St. Galler Fürsorgestelle für Anormale in den 1940er-Jahren
WengerNadja, «Ihr gebt mich fort, weil ihr mich nicht gern habt.» Gutachten der St. Galler Fürsorgestelle für Anormale in den 1940er-Jahren, in Wendland Max, Moser Vera, Bühler Patrick, Hofmann Michèle, Reh Sabine (ed.), Klinkhardt, Bad Heilbrunn.
Ein schwacher Geist in einem schwachen Körper? Popularisierung medizinischen Wissens über geistige Schwäche im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in der Schweiz
HofmannMichèle, Ein schwacher Geist in einem schwachen Körper? Popularisierung medizinischen Wissens über geistige Schwäche im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in der Schweiz, in Spurensuche. Zeitschrift für Geschichte der Erwachsenenbildung und Wissenschaftspopularisierung, 27.
Grenzziehungen – Praktiken der Kategorisierung geistig «anormaler» Kinder um 1900 in der Schweiz
HofmannMichèle, Grenzziehungen – Praktiken der Kategorisierung geistig «anormaler» Kinder um 1900 in der Schweiz, in Hofmann Michèle, Moser Vera, Bühler Patrick, Wendland Max, Reh Sabine (ed.), Klinkhardt, Bad Heilbrunn.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Ursula Hoyningen-Süess, Universität Zürich Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Sabine Reh, Humboldt Universität zu Berlin Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Rita Hofstetter und Joëlle Droux, Universität Genf Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Esther Berner, Helmut Schmidt Universität der Bundeswehr Hamburg Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Carlo Woflisberg, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Karin Priem, Universität Luxemburg Luxembourg (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Vera Moser, Humboldt Universität zu Berlin Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Nelleke Bakker, Universität Groningen Netherlands (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Marcelo Caruso, Humboldt Universität Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Exchange of personnel
Lucien Criblez, Universität Zürich Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Exchange of personnel

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Workshop «Kindheitsgeschichte(n) – Grenzen mit- und überdenken», Hildesheim Talk given at a conference Abgrenzung von Kindheit, Jugend und Erwachsenheit im Zusammenhang mit «Geistesschwäche» im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert 25.01.2019 Hildesheim, Germany Hofmann Michèle;
Graduate and Postgraduate Workshop mit Prof. Dr. William J. Reese, Zürich Talk given at a conference Moronic, imbecile, stupid – categorizing intellectually disabled children in the 19th and early 20th centuries in Switzerland 06.12.2018 Zürich, Switzerland Hofmann Michèle;
Kolloquium «Kulturwissenschaftliche Analysen pädagogischer Praktiken», Institut für Bildungswissenschaften Basel Individual talk Dissertationsprojekt «Erziehungsberatungsstellen» 18.11.2018 Basel, Switzerland Wenger Nadja;
Kolloquium «Kulturwissenschaftliche Analysen pädagogischer Praktiken», Institut für Bildungswissenschaften Basel Individual talk Habilitationsprojekt «Klassifikationen von geistigen Störungen» 18.11.2018 Basel, Switzerland Hofmann Michèle;
International Standing Conference for the History of Education, Berlin Talk given at a conference Natur und Erziehung «geistesschwacher» Kinder im 19. Jahrhundert in der Schweiz 30.08.2018 Berlin, Germany Hofmann Michèle;
Workshop «Schülerauslese, schulische Beurteilung und Schülertests 1880–1940», Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin Talk given at a conference Schwachbegabt, schwachsinnig, blödsinnig – Kategorisierung «geistesschwacher» Kinder um 1900 in der Schweiz 05.10.2017 Berlin, Germany Hofmann Michèle;
Workshop «Schülerauslese, schulische Beurteilung und Schülertests 1880–1940», Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin Talk given at a conference «Ihr gebt mich weg weil ihr mich nicht gern habt.» Die st. Gallische Fürsorgestelle für Anormale. 05.10.2017 Berlin, Germany Wenger Nadja;
Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Bildungsforschung, Lausanne Talk given at a conference Grenzziehung zwischen «normalen» und «anormalen» Kindern – Kategorisierungen geistiger Beeinträchtigung um 1900 01.06.2016 Lausanne, Switzerland Hofmann Michèle;
European Social Science History Conference, Valencia Talk given at a conference Creating abnormality by statistics: Categorization of mental abilities in Swiss schools since the late 19th century 02.04.2016 Valencia, Spain Hofmann Michèle;
Vorlesungsreihe PH Schwyz Individual talk Messen und Testen in der Schule – Leistungsbeurteilung im 19. und 20. Jahrhundert 23.03.2016 Schwyz, Switzerland Hofmann Michèle;
International Standing Conference for the History of Education, Chicago Talk given at a conference Mens insane in corpore insane? 08.03.2016 Chicago, United States of America Hofmann Michèle;
Promotionskolloquium Institut für Bildungswissenschaften, Universität Basel Individual talk «Die Irren sind immer die Anderen». Die Entstehung und die Aufgaben der neuen, auf verschiedene Formen der Psychopathologie spezialisierten Institution ‹Schulpsychologie/ Erziehungsberatungsstelle›». 09.12.2015 Basel, Switzerland Wenger Nadja;
Forschungstag der Pädagogischen Hochschule FHNW Talk given at a conference «Den unterschiedlichen Begabungen gerecht werden» oder edle Motive gestern und heute. 27.11.2015 Basel, Switzerland Wenger Nadja;
Forschungstag der Pädagogischen Hochschule FHNW Talk given at a conference Die Vermessung der Intelligenz – psychometrische Testverfahren in der Schweizer Volksschule 1890–1940 27.11.2015 Basel, Switzerland Hofmann Michèle;


Associated projects

Number Title Start Funding scheme
177436 The “Grammar” of Stationary Education in Context - Continuity and Change by the Example of the Landerziehungsheim Albisbrunn in the 20th Century 01.09.2018 NRP 76 Welfare and coercion

Abstract

Die Abgabe von Ritalin an Kinder und Jugendliche ist nicht nur ein Dauerthema in der Pädagogik, sondern wird auch breit in Medien und Politik diskutiert. Darüber geht jedoch häufig vergessen, dass sich die Therapeutisierung der Schule keineswegs auf ADHS beschränkt und zudem eine lange, gut hundertjährige Vorgeschichte hat. Das Forschungsprojekt untersucht, wie um 1900 psychische Störungen überhaupt erstmals Teil der Schule wurden. Ziel des Projekts ist eine Geschichte des psychopathologischen Wissens der Pädagogik, bei der die Anfänge des heutigen pädagogischen ‹Gesundheitssystem› im Zentrum stehen. In drei Teilprojekten werden wichtige und bislang kaum untersuchte Aspekte der Psychopathologisierung der Pädagogik an Zeitschriften und Archivbeständen der Deutschschweiz exemplarisch analysiert. Das Projekt untersucht (A) die Ordnung des neuen psychopathologischen Wissens der Pädagogik, also die gestellten Diagnosen, das als pathologisch beschriebene Verhalten, die geschilderten medizinische und pädagogischen Praktiken,(B) die Entstehung und die Aufgaben der neuen, auf verschiedene Formen der Psychopathologie spezialisierten Institution ‹Schulpsychologie/Erziehungsberatungsstelle› (C) und die eingesetzten psychometrischen und -diagnostischen Verfahren, die das neue psychopathologische Wissen quantifizierten und gleichzeitig mitproduzierten.Methodisch kennzeichnet das Projekt die Verbindung zweier Ansätze, die grosse Überschneidungen aufweisen und sich gut kombinieren lassen, nämlich der Wissensgeschichte und der disability history. Den drei Teilprojekten liegt ein gemeinsames Quellenkorpus pädagogischer Periodika der Deutschschweiz zugrunde, das diskursanalytisch ausgewertet wird. Da sich zwischen 1890 und 1940 die Sonder- und Heilpädagogik in der Schweiz erst allmählich ausdifferenzierte und auch unabhängig von der Frage des Besuchs von ‹Spezialklassen› und ‹-anstalten› ab der Jahrhundertwende intensiv über psychische Störungen von Schulkindern publiziert wurde, nimmt das Forschungsprojekt das neue psychopathologische Wissen der Pädagogik ‹integrativ› in den Blick. Das Projekt hilft eine Forschungslücke zu schliessen, da es detaillierte, breit angelegte Untersuchungen zu Formen und Funktionen psychopathologischen Wissens der Pädagogik bislang nicht gibt. Thematische Ausrichtung sowie methodischer Ansatz machen das Projekt, das nicht zuletzt auch der Nachwuchsförderung dient, anschlussfähig sowohl für aktuelle pädagogische Debatten als auch für die internationale Forschung. Das Projekt bietet ausserdem die Grundlage, auf der die Psychopathologisierung der Pädagogik vom Zweiten Weltkrieg bis heute zu verstehen ist.
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