Project

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Streitliteratur im Alten Orient: Ein Editionsprojekt

English title Disputations in Ancient Near Eastern Literature: A Text Editing Project
Applicant Mittermayer Catherine
Number 150483
Funding scheme SNSF Professorships
Research institution Unité de la Mésopotamie Département des Sciences de l'Antiquité Université de Genève
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline Other languages and literature
Start/End 01.10.2014 - 30.09.2018
Approved amount 1'116'658.00
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All Disciplines (3)

Discipline
Other languages and literature
Ancient history and Classical studies
Education and learning sciences, subject-specific education

Keywords (9)

text edition; education; Sumerian; disputation; elocution; dialogue; drama; cuneiform; Mesopotamia

Lay Summary (German)

Lead
Vor rund 4000 Jahren wurden in Mesopotamien in sumerischer Sprache 16 Literaturwerke verfasst, die heute als Streitliteratur zusammengefasst und bezeichnet werden können. Diese Texte haben bis heute kaum Eingang in die Forschung gefunden.
Lay summary

Inhalt und Ziele:

In der sumerischen Streitliteratur stehen sich Schüler, Frauen oder Abstraktionen aus dem täglichen Leben (z. B. „Sommer und Winter“) gegenüber und streiten verbal darum, wer der bessere von beiden ist. Der Sieger wird am Ende durch eine höhere Instanz, wie einen Gott oder einen Lehrer, erkoren.

Ziel des Projektes ist es, die Streitliteratur den Wissenschaften zugänglich zu machen. Hierfür werden ausgewählte Werke zum einen gelesen, bearbeitet und erstmals übersetzt. Parallel zu dieser Editionstätigkeit werden die Texte auch inhaltlich ausgewertet. Sie hatten in der Antike eine doppelte Funktion: Sie dienten einerseits in der Schreiberausbildung zur Förderung der Redefähigkeit und wurden anderseits im Rahmen von Feierlichkeiten zur Erheiterung des Königshofs aufgeführt. Deshalb verspricht eine Analyse der Texte Einsichten in die Anfänge von Rhetorik und Drama im Alten Orient.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext:

Ihre Bedeutung entfaltet die Streitliteratur, wenn man über die Sumerologie hinausblickt. Für viele Wissenschaftszweige wie z. B. für die Mathematik oder Astronomie konnte bereits aufgezeigt werden, dass lange vor der griechisch-römischen Antike eine Tradition im Alten Orient bestand. Durch die Aufarbeitung der Streitliteratur wird es möglich sein, das Wissen um einzelne Literaturformen wie z. B. das Rangstreitgespräch, das bis in die Neuzeit hinein belegt ist, zu erweitern. Auch interdisziplinäre Studien zur Bildung, Rhetorik oder szenischen Aufführung können in Zukunft um den Kulturkreis des Alten Orients bereichert werden.

Direct link to Lay Summary Last update: 18.09.2014

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Text als Bild: Graphic Reading am Beispiel der sumerischen Rangstreitgespräche
Mittermayer/Kilchör Catherine/Fabienne (2018), Text als Bild: Graphic Reading am Beispiel der sumerischen Rangstreitgespräche, in Attinger et alii Pascal (ed.), Orbis Biblicus et Orientalis, Leuven/Paris/Bristol, 225-240.
Claus Wilcke: The Sumerian Poem Enmerkar and En-suhkeshdana: Epic, Play, Or?
Mittermayer Catherine (2017), Claus Wilcke: The Sumerian Poem Enmerkar and En-suhkeshdana: Epic, Play, Or?, in Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 167(2), 500-505.
mušen ku6: Viel Vogel und wenig Fisch in MS 2110/1
Mittermayer Catherine (2015), mušen ku6: Viel Vogel und wenig Fisch in MS 2110/1, in Altorientalische Forschungen, 41(2), 201-222.
‘Was sprach der eine zum anderen?’ Argumentationsformen in den sumerischen Rangstreitgesprächen
MittermayerCatherine, ‘Was sprach der eine zum anderen?’ Argumentationsformen in den sumerischen Rangstreitgesprächen, De Gruyter, Berlin.
Animals in the Sumerian disputations
MittermayerCatherine, Animals in the Sumerian disputations, in Animals in Mesopotamia and beyond. Their relations to gods, humans and things, HelsinkiSpringer, Wiesbaden.
Der Umgang mit streitenden Schülern in dem Edubba'a nach den sumerischen Schulstreitgesprächen Enkihegal und Enkitalu und Girinisa und Enkimanshum
CeccarelliManuel, Der Umgang mit streitenden Schülern in dem Edubba'a nach den sumerischen Schulstreitgesprächen Enkihegal und Enkitalu und Girinisa und Enkimanshum, in Altorientalische Forschungen, 45(2), 133-155.
E. Jiménez, The Babylonian disputation poems (CHANE 87). Leiden/Boston 2017.
Mittermayer Catherine, E. Jiménez, The Babylonian disputation poems (CHANE 87). Leiden/Boston 2017., in Bibliotheca Orientalis.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Klaus Wagensonner, Yale Babylonian Collection United States of America (North America)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Niek Veldhuis, University of California United States of America (North America)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Enrique Jiménez Spain (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Sumerisches Glossar Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
IANES, Tübingen Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Crossing Borders between Genres and Languages in Ancient Mesopotamian Literature in the Old Babylonian Period Talk given at a conference Precedence Debates in Sumerian and Akkadian Literature: Tradition of Innovation? 04.09.2018 Genf, Switzerland Mittermayer Catherine;
4000 mille ans de disputes: de l’Orient à l’Occident Talk given at a conference Sumerian School-Disputations: Subjects, Structure, Function, and Context 15.02.2018 Genf, Switzerland Ceccarelli Manuel;
4000 ans de disputes: de l'Orient à l'Occident Talk given at a conference The Sumerian Disputations: The World’s Oldest Rhetorical Exercise? 15.02.2018 Genf, Switzerland Mittermayer Catherine;
63. Rencontre Assyriologique Internationale Talk given at a conference Beobachtungen zur sumerischen Streitliteratur im archäologischen und curricularen Kontext der altbabylonischen Zeit 24.07.2017 Marburg, Germany Borkowski Sebastian;
63. Rencontre Assyriologique Internationale Talk given at a conference Zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Der Umgang mit streitenden Schülern in dem Edubba’a 24.07.2017 Marburg, Germany Ceccarelli Manuel;
Disputation Poems in the Near East and Beyond: Anicent and Modern Talk given at a conference Dialogue techniques in Sumerian disputation poems 12.07.2017 Madrid, Spain Mittermayer Catherine;
2. Berner Altorientalisches Forum Talk given at a conference Visualizing the Provenance of Sumerian Literary Texts 28.06.2017 Bern, Switzerland Borkowski Sebastian;
Abendvortrag an der Universität Wien Individual talk ,Was sprach der eine zum anderen?' Die Rhetorik der sumerischen Rangstreitgespräche 20.06.2017 Wien, Austria Mittermayer Catherine;
Les lettres à midi Individual talk Les disputes sumériennes: les plus anciens exercices rhétoriques? (Antrittsvorlesung) 01.06.2016 Genève, Switzerland Mittermayer Catherine;
Text and Image: Rencontre Assyriologique International 61 Talk given at a conference Text als Bild: Graphic Reading am Beispiel der sumerischen Rangstreitgespräche 22.06.2015 Genf/Bern, Switzerland Mittermayer Catherine;


Self-organised

Title Date Place

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
188214 Edition des sumerischen Rangstreitgespräches "Sommer und Winter" 01.09.2019 Doc.CH (until 2020)
185542 ,Was sprach der eine zum anderen?' Argumentationsformen in den sumerischen Rangstreitgesprächen 01.12.2018 Open Access Books

Abstract

Durch archäologische Ausgrabungen im Irak ist seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die älteste schriftlich überlieferte Literatur der Menschheit ans Licht gekommen. Sie wurde in sumerischer Sprache verfasst und zu Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus in Keilschrift auf tausenden von Tontafeln niedergeschrieben. Die tradierten Werke umfassen Mythen, Epen, Götterhymnen und Preislieder auf Könige, des Weiteren geben historische und humoristische Texte ebenso wie Sprichwortsammlungen einen wertvollen Einblick in diese 4000 Jahre alte Kultur. Eine Anzahl von Werken, die in der Forschung bisher erst wenig Beachtung gefunden hat, definiert sich durch drei Gemeinsamkeiten als zusammengehörige Textgruppe: 1) Das Geschehen konzentriert sich auf zwei Protagonisten, 2) formal dominiert die direkte Rede, angelegt als Dialog zwischen den beiden Hauptfiguren, 3) im Zentrum steht die Austragung eines verbalen (Wett-)Streits. 16 Werke der sumerischen Literatur lassen sich vorerst anhand dieser Kriterien zusammenfassen. In ihnen ist das Thema Streit in drei unterschiedlichen Ausprägungen überliefert:a)Rangstreitgespräche (9 Texte)b)Schülerstreitgespräche (5 Texte)c)Frauenstreitgespräche (2 Texte)Die Rangstreitgespräche stellen auf den ersten Blick die höchste Kunstform in der Streitliteratur dar. Sie wurden einst mit dem sumerischen Terminus a-da-min3 („Wettstreit zwischen zweien“) bezeichnet. Mithilfe dieser antiken Klassifizierung können neun Adamin bestimmt werden. Ihre Protagonisten sind Gegensätze aus dem täglichen Leben, insbesondere aus dem (land)wirtschaftlichen Bereich. Es kann sich um Menschen, Tiere, Pflanzen, Realien oder Jahreszeiten handeln (z. B. Hacke und Pflug oder Sommer und Winter).Bei der Mehrheit der Texte ist der Rangstreit in einen grösseren Rahmen eingebettet. Eine auf den jeweiligen Kontext zugeschnittene Kosmogonie verortet die beiden Protagonisten in der Welt und leitet anschliessend den Disput ein. Im Zentrum steht der auf hohem rhetorischem Niveau ausgetragene Wettstreit zwischen den beiden Parteien, dessen Ziel es ist, den Ranghöheren von beiden auszumachen. Das Urteil wird am Ende durch eine Gottheit oder einen König gefällt. Die Schülerstreitgespräche sind anders konzipiert. Im Gegensatz zu den Adamin sind sie nicht in ein kosmogonisches Geschehen eingebettet, sondern sie beginnen direkt mit dem Disput (sumerisch du14). Ihre (anonymen oder namentlich genannten) Protagonisten stammen aus dem Umfeld der Schule. Es handelt sich um ausgebildete Schreiber oder Schüler und sie alle streiten sich darum, wer der bessere von beiden ist. Entschieden wird dies am Ende durch einen Schulmeister. Wie die Schulstreitgespräche starten auch die beiden erhaltenen Frauenstreitgespräche in medias res. In ihnen stehen sich ausschliesslich (namenlose) Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes gegenüber. In dem ihnen eigenen Soziolekt (Emesal) versuchen sie, sich gegenseitig mit wüsten Beschimpfungen zu übertrumpfen. Dass es auch hier darum geht, die bessere von beiden zu ermitteln, wird aus dem Urteil ersichtlich, das am Ende durch einen Richter gefällt werden kann.Allen drei Kategorien liegt das einheitliche Schema „Streit zwischen zwei Gegnern gefolgt von einer Entscheidung durch eine höher stehende Instanz“ zugrunde. Jede hat aber ihre eigene Ausformulierung der Thematik zu bieten. Während die Rangstreitgespräche gewiss als rhetorische Kunstform erkannt werden dürfen, stellen sowohl die Schüler- als auch die Frauenstreitgespräche Alltagssituationen auf scheinbar umgangssprachlichem Niveau dar. Allen gemeinsam ist wiederum ein humoristischer Aspekt und damit verbunden ein hoher Unterhaltungswert. Ziel des Projekts ist es, die Streitliteratur des Alten Orients den Wissenschaften zugänglich zu machen. In den ersten drei Projektjahren sollen sämtliche Texte in Partiturform in einer Datenbank zusammengeführt werden und von vier ausgewählten Werken sollen Texteditionen erstellt werden. Parallel dazu soll der Wortschatz dieser Texte erfasst werden, der als „Glossar der sumerischen Streitliteratur“ zusammen mit der Datenbank der Texte online gestellt werden soll. Im letzten Jahr soll auf interdisziplinärer Basis mit der inhaltlichen Auswertung der Streitliteratur begonnen werden. Da die Texte einst im Rahmen der Schreiberausbildung zur Förderung der mündlichen Sprechkompetenz eingesetzt wurden, bietet sich hier in erster Linie ein Vergleich mit dem neulateinischen Rhetorikunterricht der Humanisten in der Renaissance an. Des Weiteren sollen die Werke auf Hinweise untersucht werden, die für eine szenische Aufführung der Streitliteratur sprechen.
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