Projekt

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"Sine dissonantiis" und "auf eine wirklich ganz neue Manier" - restaurative und revolutionäre Tendenzen am Schnittpunkt von Musiktheorie und Kompositionspraxis in Wien um 1800

Gesuchsteller/in Brotbeck Roman
Nummer 131986
Förderungsinstrument Projektförderung (Abt. I-III)
Forschungseinrichtung Forschungsschwerpunkt Interpretation Hochschule der Künste Bern Berner Fachhochschule
Hochschule Berner Fachhochschule - BFH
Hauptdisziplin Musik und Theater
Beginn/Ende 01.02.2011 - 31.07.2015
Bewilligter Betrag 328'162.00
Alle Daten anzeigen

Alle Disziplinen (2)

Disziplin
Musik und Theater
Musikologie

Keywords (11)

Music Theory; Historically Informed Music Theory; Harmony; Harmonic Theory; Counterpoint; Thoroughbass; History of Musical Composition; Albrechtsberger; Johann Georg (1736-1809); Beethoven; Ludwig van (1770-1827)

Lay Summary (Deutsch)

Lead
Lay summary
Für eine Auseinandersetzung mit der Wechselwirkung der kompositorischen Praxis mit ihren musiktheoretischen Grundlagen ist die Musik der Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Wien ein besonders geeigneter Gegenstand: Einerseits vollzieht sich in ihr eine Vermischung von traditionell basston- mit neueren grundtonorientierten Konzepten, aus denen die moderne "Harmonielehre" hervorgehen wird, andererseits treten im Zuge der zeitgenössischen Umwälzungen auch in der Musik Phänomene zutage, die mit dem Anspruch der Neuartigkeit entweder revolutionär oder aber restaurativ wirken. So nennt Ludwig van Beethoven seine Klaviervariationen op. 34 und op. 35 "auf eine wircklich ganz neue Manier bearbeitet", sein ehemaliger Lehrer Johann Georg Albrechtsberger hingegen schreibt 1807 eine Messe völlig "sine dissonantiis" ("ohne Dissonanzen"), also unter noch strikteren Regeln als selbst innerhalb eines in der Komponistenausbildung häufig gepflegten "strengen Stils".Im Rahmen dieses Forschungsprojektes werden zwei eigenständige, aber aufeinander bezogene Dissertationen erarbeitet: "Johann Georg Albrechtsbergers Kompositionslehre. Satztechnische Grundlagen, praktische Umsetzung, pädagogische Konzepte" und "Strukturerweiterung beim frühen und mittleren Beethoven. Theoretische Grundlagen, handwerkliche Kontexte, analytische Nachwirkung". Sie arbeiten einander zu: zum einen aus der Tradition des 18. Jahrhunderts heraus mit einem mehr theoretischen Fokus auf das Fortleben der Generalbasstradition zu Beginn des 19. Jahrhunderts, andererseits in Form einer analytischen Bestandsaufnahme von kompositorischen Prozessen, die in einem Moment der sprunghaften Weiterentwicklung in ihren grundlegenden Parametern besonders gut greifbar werden.
Direktlink auf Lay Summary Letzte Aktualisierung: 21.02.2013

Verantw. Gesuchsteller/in und weitere Gesuchstellende

Mitarbeitende

Publikationen

Publikation
Cherubini in Wien. Der Marsch aus Les deux journées als antinapoleonische Durchhalteparole in Kaiserin Marie Thereses Wien 1802-1805.
SkamletzMartin (2018), Cherubini in Wien. Der Marsch aus Les deux journées als antinapoleonische Durchhalteparole in Kaiserin Marie Thereses Wien 1802-1805., frabernardo, Wien.
Von Ton zu Ton – Die Ausweichung in den musiktheoretischen Schriften des 18. Jahrhunderts
ZirwesStephan (2018), Von Ton zu Ton – Die Ausweichung in den musiktheoretischen Schriften des 18. Jahrhunderts, Bärenreiter, Kassel.
Beethoven als Schüler Albrechtsbergers. Zwischen Fugenübung und freier Komposition.
Zirwes Stephan, Skamletz Martin (2017), Beethoven als Schüler Albrechtsbergers. Zwischen Fugenübung und freier Komposition., in Lehner Michael, Skamletz Martin, Zirwes Stephan (ed.), Argus, Schliengen, 334-349.
Musiktheorie im 19. Jahrhundert. 11. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie in Bern 2011.
Skamletz Martin, Lehner Michael, Zirwes Stephan (ed.) (2017), Musiktheorie im 19. Jahrhundert. 11. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie in Bern 2011., Argus, Schliengen.
"... und gar nichts, wodurch sich der eigene schöpferische Geist des Komponisten beurkundete". Cherubini, Hummel, Konzerte, Opern, Quodlibets und Trompeten in Wien zu Beginn des 19. Jahrhunderts
Skamletz Martin (2015), "... und gar nichts, wodurch sich der eigene schöpferische Geist des Komponisten beurkundete". Cherubini, Hummel, Konzerte, Opern, Quodlibets und Trompeten in Wien zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in Bacciagaluppi Claudio, Skamletz Martin (ed.), Argus, Schliengen, 40-58.
Ideen zu einem Konzept der Gehörbildung auf Grundlagen der historisch informierten Satzlehre
Zirwes Stephan (2015), Ideen zu einem Konzept der Gehörbildung auf Grundlagen der historisch informierten Satzlehre, in 2. Symposion für Musikkunde: Gehörbildung (Wien, 13./14. Februar 2015), WienUniversität für Musik und darstellende Kunst Wien, Wien.
Weniger ist mehr. Heilige Kühe im Gehörbildungsunterricht.
Skamletz Martin (2015), Weniger ist mehr. Heilige Kühe im Gehörbildungsunterricht., in 2. Symposion für Musikkunde: Gehörbildung (Wien, 13./14. Februar 2015), Wienmdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Eigenverlag.

Zusammenarbeit

Gruppe / Person Land
Formen der Zusammenarbeit
Johannes Gutenberg Universität Mainz, Musikwissenschaftliches Institut Deutschland (Europa)
- vertiefter/weiterführender Austausch von Ansätzen, Methoden oder Resultaten

Wissenschaftliche Veranstaltungen

Aktiver Beitrag

Titel Art des Beitrags Titel des Artikels oder Beitrages Datum Ort Beteiligte Personen
Symposium "Rund um Beethoven. Interpretationsforschung heute" Vortrag im Rahmen einer Tagung Analyse und Interpretation. Adolph Bernhard Marx' Beethoven-Analysen. 13.09.2017 Bern, Schweiz Zirwes Stephan;
Symposium "Rund um Beethoven. Interpretationsforschung heute" Vortrag im Rahmen einer Tagung Wien um 1800. Die Entwicklung der Instrumente im Spiegel der Kompositionen. 13.09.2017 Bern, Schweiz Skamletz Martin;
Symposium "Neapolitanische Musikpädagogik im 18. Jahrhundert - Theorie, Quellen und Rezeption Vortrag im Rahmen einer Tagung Jean Baptiste Mathieu's manuscript copy of Nicola Sala's Regole del contrapunto practico 26.01.2017 Mailand, Bern, Schweiz Skamletz Martin;
Keine Praxis ohne Theorie. Keine Theorie ohne Praxis. Netwerk Musikhochschulen Detmold Vortrag im Rahmen einer Tagung "Praktisch angewandte Theorie" und "MA Specialized Performance mit Vertiefung Forschung" 22.09.2016 Detmold, Deutschland Skamletz Martin;
Klang - Wundertüte oder Stiefkind der Musiktheorie? 16. GMTH-Kongress Hannover Vortrag im Rahmen einer Tagung "Auch war man hier so klug gewesen, die Partitur hin und wieder mit blasenden Instrumenten zu bereichern" - der haustypische Orchesterklang in den ersten Jahren des Theaters an der Wien 30.09.2015 Hannover, Deutschland Skamletz Martin;
2. Symposion für Musikkunde, Gehörbildung Vortrag im Rahmen einer Tagung Weniger ist mehr. Heilige Kühe im Gehörbildungsunterricht 13.02.2015 Wien, Österreich Skamletz Martin;
2. Symposion für Musikkunde, Gehörbildung Vortrag im Rahmen einer Tagung Ideen zu einem Konzept der Gehörbildung auf Grundlagen der historisch-informierten Satzlehre 13.02.2015 Wien, Österreich Zirwes Stephan;
D-A-CH Tagung "Musik und Begabung", Konservatorium Winterthur Vortrag im Rahmen einer Tagung Genie, Talent oder Handwerk? - Zur Ausbildung grosser Komponisten im 18. und 19. Jahrhundert 01.11.2014 Winterthur, Schweiz Zirwes Stephan;
14. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie - "Adjustierung und Kontingenz - das Andere in der Musiktheorie" Vortrag im Rahmen einer Tagung Die theorienahe Wiener Klavierfantasie im Lichte französischer Einflüsse 18.10.2014 Genf, Schweiz Skamletz Martin;
Symposium "Das flüchtige Werk. Pianistische Improvisationen der Beethoven-Zeit" Vortrag im Rahmen einer Tagung Die komponierte Fantasie für Tasteninstrumente zur Zeit Beethovens 12.10.2013 Bern, Schweiz Zirwes Stephan;
Symposium "Das flüchtige Werk. Pianistische Improvisationen der Beethoven-Zeit" Vortrag im Rahmen einer Tagung Zwischen Oper und Fuge – Ein Einblick in das kompositorisch-pianistisch-publizistische Alltagsgeschäft im Wien der 1800er-Jahre 12.10.2013 Bern, Schweiz Skamletz Martin;
Gastvortrag Martin Skamletz Einzelvortrag Instrument – Tonart – Form 26.04.2013 Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mannheim, Deutschland, Deutschland Skamletz Martin;
12. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie Vortrag im Rahmen einer Tagung Was hat Beethoven wirklich von Albrechtsberger gelernt? 05.10.2012 Essen, Deutschland Skamletz Martin; Zirwes Stephan;


Kommunikation mit der Öffentlichkeit

Kommunikation Titel Medien Ort Jahr

Verbundene Projekte

Nummer Titel Start Förderungsinstrument
116291 Klappentrompeten - Rekonstruktion, Spielmethodik und Nachwirkungen der klassischen und frühromantischen Solotrompeten 01.07.2007 DORE Projekte
124644 'Ein Bogen für Beethoven' - repertoirespezifische Spieleigenschaften von Streichbögen um 1825. Neue Wege zu Aufführungspraxis, Organologie und Rekonstruktion frühromantischer Bogenmodelle unter besonderer Berücksichtigung der Wiener Praxis 01.06.2009 DORE Projekte
152825 Vom 'Vortrag' zur 'Interpretation'. Ignaz Moscheles' Beethoven-Editionen sowie Welte-Aufzeichnungen als Quellen pianistischer Aufführungspraxis und Interpretationsästhetik zwischen 1830 und 1914 01.08.2014 Projektförderung (Abt. I-III)
163053 Creating the Neapolitan Canon. Music and music theory between Paris and Naples in the early nineteenth century 01.12.2015 Projektförderung (Abt. I-III)
169368 Integrative Listening. A Historical Perspective on Aural Skills Training 01.08.2017 Projektförderung (Abt. I-III)

Abstract

Bei der analytischen Beschreibung von Musik aus der Zeit bis etwa 1800 wird in den letzten Jahren verstärkt auf die zu ihrer jeweiligen Entstehungszeit gebräuchlichen musiktheoretischen Grundlagen zurückgegriffen, anstatt - wie an Musikhochschulen und Universitäten bis heute vorherrschend - erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstandene theoretische Systeme wie die Riemannsche Funktionstheorie undifferenziert auf die gesamte Musikgeschichte anzuwenden. Eine derart verstandene „historisch informierte Musiktheorie“ bezieht sich schon in ihrem Namen auf die Strömung der „historisch informierten Aufführungspraxis“. Sie vermittelt anstelle von abstrakten Wissensinhalten zunehmend kompositorische und improvisatorische Kenntnisse und weist grundsätzlich einen stärkeren Bezug zur musikalischen Interpretationspraxis auf als die seit dem 19. Jahrhundert einerseits als blosses Propädeutikum für Musikwissenschaftler, andererseits als mehr oder weniger sinnvoller Zusatz in der Ausbildung von ausübenden Musikern verstandene Disziplin „Musiktheorie“.Das im vorliegenden Förderungsgesuch beantragte Projekt möchte diese aktuelle Tendenz der musiktheoretischen Forschung aufnehmen und folgende Beiträge zu ihr leisten:•Die bisher in systematischer Weise vorwiegend in Bezug auf die Musik bis zum Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte „historisch informierte Musiktheorie“ richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Zeit nach 1800 und wendet sich dem Werk Ludwig van Beethovens zu, das für das musikanalytische Denken des späten 19. Jahrhunderts eine Referenzinstanz bildete. •Das für die „Sattelzeit“ zwischen Französischer Revolution und Wiener Kongress charakteristische Ineinander von revolutionären und restaurativen Tendenzen bündelt sich auf dem Gebiet der Musiktheorie in der Frage, wie stark die skalenbezogene Generalbass-Harmonielehre italienischer Tradition in Wien um 1800 gegenüber der auf Rameau zurückzuführenden Lehre von den Stammakkorden dominiert bzw. wann und in welchen Bereichen sie sich mit dieser verbindet und vermischt. Dazu bietet das theoretische Werk von Beethovens Lehrer Johann Georg Albrechtsberger aufschlussreiches Material.•Bisher wird unter „historisch informierter Analyse“ vielfach die blosse Anwendung der aus den theoretischen Werken von Joseph Riepel und Heinrich Christoph Koch stammenden Interpunktionslehren betrachtet, was dem Gehalt der damit analysierten Kompositionen oft nur sehr begrenzt gerecht wird. Durch das zusätzliche Herauspräparieren von theoretischen Konzepten, die den kompositorischen Werken selbst eingeschrieben sind, sollen der Deckungsgrad von Komponieren und zeitgenössischer Theorie untersucht und fundierte Aussagen zur Relevanz und Anwendbarkeit der Theorie für und auf das zeitgenössische Komponieren gemacht werden.Die beiden Subprojekte „Johann Georg Albrechtsbergers Kompositionslehre“ und „Strukturerweiterung beim frühen und mittleren Beethoven“ sind komplementär angelegt und arbeiten einander von entgegengesetzten Seiten her zu: zum einen aus der Tradition des 18. Jahrhunderts heraus mit einem mehr theoretischen Fokus auf dem Fortleben der Generalbasstradition zu Beginn des 19. Jahrhunderts, andererseits in Form einer analytischen Bestandsaufnahme von kompositorischen Prozessen, die in einem Moment der sprunghaften Weiterentwicklung in den Jahren um 1800 in ihren grundlegenden Parametern besonders gut greifbar werden.Konkreter Kristallisationspunkt für beide Projektteile sind zeittypische Ausprägungen des Verhältnisses von Theorie und Praxis in den 1800er-Jahren, die ihren Autoren im Moment ihres Entstehens als gangbare Wege erschienen sein mögen, im weiteren Verlauf des Jahrhunderts aber von mächtigeren Entwürfen verdrängt wurden und in Vergessenheit gerieten. Diese gleichsam „überwachsenen Pfade“ sollen freigelegt werden, und ihre Wiederbegehung dürfte ins Zentrum des Verhältnisses von Musiktheorie und Kompositionspraxis in Wien um 1800 führen.
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