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Ein gemeinsamer Raum - Unerzählte Schweizer Frauengeschichte(n)

English title A room of our own - untold Swiss histories of women
Applicant Purtschert Patricia
Number 188897
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung Universität Bern
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.03.2020 - 29.02.2024
Approved amount 1'221'737.00
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All Disciplines (2)

Discipline
General history (without pre-and early history)
Swiss history

Keywords (15)

Intersektionalität; Schweizer Geschichte; Gleichstellung; spatial turn; topological turn; Queer Studies; Frauengeschichte; Geschlechterforschung; Oral History; Gleichheit und Differenz; Raum; Lebensgeschichtliches Erzählen; Geschlecht; Politische Partizipation; Lesbengeschichte

Lay Summary (German)

Lead
Der Zugang von Frauen zu historisch männlich besetzten Räumen (z.B. Bundeshaus) und die Schaffung eigener Räume (z.B. autonome Frauenzentren oder Lesbentreffpunkte) ist zentral für die Transformation der Geschlechterverhältnisse in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Das Projekt untersucht diese Zusammenhänge, indem es Oral History Methoden mit Archivrecherchen und theoretischen Überlegungen aus den Gender Studies, Kultur- und Geschichtswissenschaften verbindet.
Lay summary

Inhalt und Ziele des Projekts

Anhand der übergeordneten Frage nach der Bedeutung von Räumen für die individuelle und politische Handlungsfähigkeit wird das Ringen um soziale Anerkennung und politische Partizipation und die sich verändernden Selbstverhältnisse von Frauen in der Schweiz untersucht. In vier Teilprojekten befasst sich das Projekt mit frauenliebenden Frauen vor der Entstehung der Lesbenbewegung, mit den ersten Politikerinnen im Bundeshaus, mit den Aktivistinnen der Neuen Frauenbewegung und mit Frauen, die sich in der Frauenrechts- und Gleichstellungsarbeit engagieren. Verbindungen zwischen vermeintlich gesonderten Räumen, kollektiven und einzelnen Frauen und Frauengenerationen werden untersucht und sichtbar gemacht.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext des Projekts

Das interdisziplinäre Projekt eröffnet Perspektiven auf die Schweizer Frauen- und Geschlechtergeschichte, die den Forschungsstand durch die Analyse lebensgeschichtlicher Erzählungen von Zeitzeuginnen erweitert. Mit Blick auf die Schnittstellen von sozialen Bewegungen und individuellen Lebensgeschichten eröffnet das Projekt neue Einsichten in die Entstehung politischer Räume und Möglichkeiten der Partizipation von Frauen in der Schweiz.

Direct link to Lay Summary Last update: 16.01.2020

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Abstract

Ausgehend von der These, dass die Nutzung und Erschaffung kultureller, sozialer, imaginärer und physischer Räume konstitutiv mit politischer und sozialer Teilhabe verbunden sind, widmet sich das vorliegende Projekt Forschungsdesideraten der Frauen- und Lesbengeschichte in der neuesten Geschichte der Schweiz. Grundlage ist eine interdisziplinäre Raumkonzeption, mit der die Erfahrungen in und die Bedeutung von geschlechtlich unterschiedlich konnotierten Räumen akteurinnenzentriert untersucht werden. Räume sind auf vielfältige Weise von Machtverhältnissen durchzogen. Sie sind Ergebnis sozialer Handlungen und gleichzeitig strukturieren sie soziales Handeln und präformieren Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen. Diese zweifache Bedeutung von Raum erforscht das Projekt innerhalb von vier Teilprojekten im Zusammenhang mit Narration, Partizipation und Intersektionalität. Historische Bezugspunkte des For-schungsprojekts sind die Entstehung der sozialen Bewegungen um 1968 und die Einführung des Frauenstimmrechts 1971. Der Zugang zu bestehenden Räumen und die Schaffung eigener Räume ist zentral für die Geschichte der Schweizer Frauenbewegungen. Dabei geht es nicht einzig um ein «Zimmer für sich allein», wie Virginia Woolf forderte, sondern um das kollektive Erschliessen gemeinsamer Räume. Damit einher geht die Entwicklung eines neuen gesellschaftlichen Selbstverständnisses, das es Frauen ermöglicht, eigene Räume zu gestalten und nicht in erster Linie für den Erhalt eines Raumes für andere zu sorgen. Anhand der übergeordneten Frage nach der Bedeutung von Räumen für die individuelle und politische Handlungsfähigkeit untersucht das Projekt das Ringen um soziale Anerkennung und politische Partizipation, die damit einhergehenden Kollektivierungs- und Differenzierungsprozesse und die sich verändernden Selbstverhältnisse von Frauen in der Schweiz. Die vier Teilprojekte befassen sich mit frauenliebenden Frauen vor der Entstehung der Lesbenbewegung, mit den ersten Politikerinnen im Bundeshaus, mit den Aktivistinnen der Neuen Frau-enbewegung und mit Frauen, die sich in der Frauenrechts- und Gleichstellungsarbeit in der Schweiz engagieren. Mit Oral History und unter Einbezug von schriftlichem und audiovisuellem Archivmaterial werden Erinnerungen von Akteurinnen dokumentiert und im Hinblick auf raum-, geschlechter- und machttheoretische Fragen untersucht. Die methodische Ausrichtung auf Lebensgeschichten ermöglicht es, andere und bislang unerzählte Geschichten zugänglich zu machen und gängige Narrative kritisch zu hinterfragen. So etwa die Vorstellung, es hätte in der Nachkriegszeit in der Schweiz keine Organisation frauenliebender Frauen gegeben (Teilprojekt A), die Neue Frauenbewegung habe mit der Setzung eines gemeinsamen «Wir» die Erfahrungen von Frauen normiert (Teilprojekt B), Institutionalisierung habe zu einer Entpolitisierung geführt (Teilprojekt C) oder zwischen der Neuen Frauenbewegung und bürgerlichen Politike-rinnen habe kein Austausch stattgefunden (Teilprojekt D). Das interdisziplinäre Projekt eröffnet eine neue Perspektive auf die Schweizer (Frauen-)Geschichte, die den aktuellen Forschungsstand durch die Analyse lebensgeschichtlicher Erzählungen von Zeitzeuginnen bedeutsam erweitert. Es generiert bislang unbekannte und vielversprechende Einsichten in die Entstehung politischer Räume in der Schweiz an der Schnittstelle von sozialen Bewegungen und individuellen Lebensgeschichten. Mit dem Einsatz von Oral History reagiert das Projekt zudem auf eine forschungsspezifische Dringlichkeit: Es erschliesst den Zugang zu einem hoch relevanten Wissen, das durch das fortgeschrittene Alter vieler Akteurinnen nur noch wenige Jahre dokumentiert werden kann.
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