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Interaktion und Architektur: Vergleichende Fallstudien zur Re-Figuration institutioneller Kommunikation am Beispiel von Schalter, Kirchenraum und Hörsaal

English title Architecture-for-interaction. Comparative case studies in the re-figuration of institutionalized communication: Counter, church interior and lecture hall
Applicant Hausendorf Heiko
Number 188791
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Linguistische Abteilung Deutsches Seminar Universität Zürich
Institution of higher education University of Zurich - ZH
Main discipline German and English languages and literature
Start/End 01.04.2020 - 31.03.2023
Approved amount 521'045.00
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All Disciplines (2)

Discipline
German and English languages and literature
Sociology

Keywords (11)

Hörsaal; Institutionelle Kommunikation; Interaktionsraum; Re-Figuration; Interaktion; Situierung; Multimodalität; Schalter; Architektur; Kirchenraum; Interaktionsarchitektur

Lay Summary (German)

Lead
Es gibt einen engen Zusammenhang von Interaktion und Architektur. Im Falle der modernen Institutionen der Gesellschaft wird er besonders greifbar: Ausprägungen institutioneller Kommunikation (in Form z.B. von "Gottesdienst", "Fahrkartenverkauf" oder "Vorlesung") haben mit spezifischen Architekturen ein gebautes Zuhause gefunden (wie z.B. die "Kirche", den "Schalter" oder den "Hörsaal"). Interaktionsarchitekturen dieser Art sind wie die institutionelle Kommunikation, deren Ausdruck und Bestandteil sie sind, dem gesellschaftlichen Wandel ausgesetzt.
Lay summary
Wenn sich Menschen begegnen, treffen oder sonstwie zusammenkommen und auf diese Weise in eine Interaktion geraten, ist damit grundsätzlich ein auf die Zwecke ihres jeweiligen Beisammenseins zugeschnittener Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Handlungsraum verbunden. Ohne dass sie darüber in der Regel lange nachdenken oder gar sprechen müssen, schaffen die Beteiligten einen gemeinsamen "Interaktionsraum". In den modernen Institutionen der Gesellschaft wird diese Herstellung des Interaktionsraumes auf eine markante Weise durch Architektur im Sinne gebauter, gestalteter und ausgestatteter Räume unterstützt. Der sicht- und betretbare Ausdruck davon sind die Zweckgebäude der modernen Gesellschaft und ihrer Organisationen. In ihnen haben spezifische Ausprägungen institutioneller Interaktion ihr gebautes Zuhause gefunden: So findet die "Vorlesung" wie selbstverständlich im "Hörsaal", der "Gottesdienst" in der "Kirche" und der "Fahrkartenverkauf" am "Ticketschalter" statt. Wir sprechen in diesen und ähnlichen Fällen von Interaktionsarchitekturen, weil die fraglichen Räume architektonische Formen der Lösung immer wieder ähnlicher interaktiver Probleme darstellen. Als solche sind sie Ausdruck und Bestandteil institutioneller Kommunikation und wie diese als Produkt gesellschaftlicher Evolution dem Wandel ausgesetzt. Dieser Wandel steht im Mittelpunkt des vorliegenden Projektes: Sowohl am Schalter als auch im Kirchenraum und – mit Abstrichen – auch im Hörsaal können wir seit geraumer Zeit erleben, wie seit langem bewährte interaktionsarchitektonische Vorgaben zurückgenommen (und z.T. tatsächlich zurückgebaut) werden, so dass es zu Übergängen vom Schalter zum Service Center, vom Kirchenraum zum Open Space und vom Hörsaal zum Multimedia-Hub kommt. Das Projekt soll mit der Untersuchung der genannten Schauplätze und der dort stattfindenden Interaktionen die These überprüfen, dass mit den interaktionsarchitektonischen Veränderungen Tendenzen zur  Entdifferenzierung, Entstrukturierung und Enthierachisierung institutioneller Kommunikation einhergehen, die sich als Prozess der "Re-Figuration" fassen lassen.
Direct link to Lay Summary Last update: 04.10.2019

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Abstract

Interaktion unter Anwesenden impliziert grundsätzlich die Herstellung eines auf die Zwecke der jeweiligen Interaktion zugeschnittenen Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Handlungsraumes («Interaktionsraum»). In der institutionellen Kommunikation innerhalb der modernen Funktionssysteme der Gesellschaft wird dieser Zusammenhang zwischen Raum und Interaktion besonders greifbar, insofern sich hier eigene Zweckgebäude herausgebildet haben, in denen die fragliche Ausprägung institutioneller Kommunikation ihr gebautes Zuhause gefunden hat. Das gilt gleichermassen für die im Mittelpunkt des geplanten Vorhabens stehenden Fälle: die Vorlesung im Hörsaal, den Gottesdienst im Kirchenraum und den Fahrkartenverkauf am Ticketschalter. Stets haben wir es mit Interaktionsarchitekturen zu tun, die als sedimentierte Formen der routinisierten Lösung immer wieder ähnlicher kommunikativer Probleme angesehen werden können und ebenso robuste wie effektive Ressourcen für die innerhalb solcher Architekturen anlaufenden Interaktionen darstellen. Wiewohl nicht flüchtiger, sondern persistenter Natur, sind Interaktionsarchitekturen als Produkt gesellschaftlicher Evolution dem Wandel ausgesetzt. Hier setzt das vorliegende Gesuch mit der Auswahl der bereits genannten Fälle an: Sowohl am Schalter als auch im Kirchenraum und - mit Abstrichen - auch im Hörsaal erleben wir seit geraumer Zeit eine markante Veränderung der Interaktionsarchitekturen: eine markante Zurücknahme interaktionsarchitektonischer Vorgaben (vom Schalter zum Service Center, vom Kirchenraum zum Open Space, vom Hörsaal zum Multimedia-Hub), mit der Tendenzen zur Entdifferenzierung, Entstrukturierung und Enthierachisierung institutioneller Kommunikation einhergehen. Diese allgemeine gesellschaftliche Entwicklung soll im Projekt als Re-Figuration institutioneller Kommunikation gefasst werden. Die Fallauswahl folgt einer Heuristik unterschiedlicher Aspekte der Umgestaltung von Interaktionsarchitekturen, die im Fall des Schalters den gebauten Raum, im Fall des Kirchenraums den (insbesondere durch Mobiliar) gestalteten Raum und im Fall des Hörsaals den (insbesondere durch Technik) ausgestatteten Raum betreffen. Während der hinter diesen Veränderungen stehende gesellschaftliche Wandel in der Soziologie seit Längerem diskutiert und reflektiert wird, gibt es bis heute kaum empirische Untersuchungen dazu, wie Innovationen der Interaktionsarchitekturen die fragliche institutionelle Kommunikation beeinflussen und verändern, wie anders gesagt mit der Re-Figuration institutioneller Kommunikation auch eine Re-Figuration institutioneller Interaktionsräume verbunden ist. Das Vorhaben soll dazu ausgehend von eigenen Vorarbeiten innerhalb der videobasierten linguistischen Interaktionsforschung einen fallvergleichenden Beitrag leisten, der sich auf die Situierung institutioneller Kommunikation (als Herstellung des Interaktionsraums) und das Zusammenspiel der dafür zentralen Ressourcen von Sprache, Körper(lichkeit) und Architektur bezieht. Es verspricht damit eine Weiterentwicklung der linguistischen Untersuchung institutioneller Kommunikation in einem theoretisch relevanten, methodologisch anspruchsvollen und empirisch noch weitgehend unerforschten Bereich des Zusammenhangs von Sprache, Interaktion und Raum.
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