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Zwischen Polygynie und Monogamie? Die Verbreitung christlicher Ehevorstellungen in Grossbritannien zwischen 800 und 1100.

English title Between Polygyny and Monogamy? Christian ideals of marriage and their reception in Great Britain between 800 and 1100.
Applicant Tranter Maria Catriona
Number 188184
Funding scheme Early Postdoc.Mobility
Research institution Department of English and Related Literature University of York
Institution of higher education Institution abroad - IACH
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.10.2019 - 31.07.2021
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All Disciplines (2)

Discipline
General history (without pre-and early history)
German and English languages and literature

Keywords (7)

Great Britain; Middle Ages; Christianisation; Marriage discourse; Polygyny; Canon law; Anglo-Saxon

Lay Summary (German)

Lead
Das Gebiet des heutigen Grossbritanniens besteht seit dem frühen Mittelalter bis noch nach der normannischen Eroberung im Jahr 1066 aus einer Vielzahl unterschiedlich beherrschter Regionen mit unterschiedlicher kultureller Prägung. Diese Heterogenität beeinflusste die Verbreitung des römischen Christentum, was vor allem anhand einer der häufigsten kulturellen Handlungen, der Ehe, untersucht werden soll.
Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts: Anhand von hauptsächlich zwei Quellensorten – zeitgenössischen Predigten und Chroniken –  untersuche ich die Ehebeziehungen auf den Britischen Inseln, wie sie praktisch gelebt wurden und wie darüber gesprochen wurde. Insbesondere ist dabei der Umgang mit Polygynie, mehrfach Ehen und Scheidungen zu betrachten, die von der römischen Kirche eigentlich nicht akzeptiert wurden, in den keltischen und skandinavischen Kulturen aber noch immer verbreiteter waren. Das Ziel ist, regionale Unterschiede zu finden, die auf eine unterschiedliche Umsetzung und Übernahme der römischen Normen hindeutet und auf einen Einfluss der verschiedenen Kulturen deutet, mit denen die Bewohner der Inseln in Kontakt kamen. 

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext des Forschungsprojekts: Das Projekt steht im Kontext einer Reihe neuerer kulturhistorischen Forschungen zur mittelalterlichen Ehe und bietet mit einem diskursgeschichtlichen Ansatz weitere Einblicke, zusätzlich sieht sich die regional vergleichende Studie als Beitrag zur aktuellen wieder populär gewordenen Diskussion über die historische Genese des heutigen Grossbritanniens.

Direct link to Lay Summary Last update: 25.06.2019

Responsible applicant and co-applicants

Abstract

In einem Aufsatz aus dem Jahr 2004 mit dem Titel Kulturelle Einheit und Religiöse Differenz schlägt Michael Borgolte vor, die «Reichweite religiöser Normen» (und damit den Prozess der Vereinheitlichung der westlichen religiösen Kultur), das führende Element, das «Europa in seiner Geschichte trotz unüberwindlicher Differenzen im Grundsätzlichen Kohärenz und unverwechselbare Gestalt gegeben hat» anhand der Verbreitung und des Rückgangs der Polygynie zu verfolgen (Borgolte 2004). Im Gegensatz zu Borgolte, der es in seiner Studie unternahm, eine gesamteuropäische Gemeinsamkeit hervorzuheben, will ich mit einer Detailstudie der Ehebeziehungen auf den Britischen Inseln versuchen, regionale Unterschiede in der Umsetzung religiöser Normen zu erfassen, mit Blick darauf, von einer rein christlich dominierten Grundlage der Kulturgeschichte Abstand zu nehmen. Die neuere Forschung zeigt auf, dass - obwohl die Kirche streng gegen jegliche Form der Mehrfach-Bindung von Mann und Frau vorging - zumindest in manchen Regionen Europas die verlangte Monogamie wohl weniger streng eingehalten wurde. Für den Norden, bzw. Nordwesten Europas sind es vor allem die skandinavischen und keltischen Regionen, deren frühmittelalterliche Kultur der Polygynie noch bis ins 12. Jahrhundert teilweise erhalten blieb, bis sich das kanonische Recht endgültig durchsetzte (Rüdiger 2015). Das Gebiet des heutigen Grossbritannien zeichnet sich im Frühmittelalter und noch bis nach 1066 vor allem durch miteinander in mehr oder weniger kriegerischer Auseinandersetzung stehende Königreiche unterschiedlicher kultureller Prägung aus. Gerade hier bietet sich eine Untersuchung der allpräsenten kulturellen Praxis der Ehe an, um die verschiedenen kulturellen Einflüsse, ihre Beständigkeit und Wahrnehmung nachzuverfolgen. Die dafür verwendeten Quellen - angelsächsische Predigtliteratur sowie angelsächsische und lateinische Chroniken - bieten einen hervorragenden Einblick in Ideale und Praktiken der Ehebeziehungen über die gesamte Untersuchungsperiode hinweg.Verglichen werden folgende drei Gebiete: das südenglische Wessex, Kerngebiet der Westsachsen und des späteren englischen Königtums; das nordenglische Northumbria, ein im Frühmittelalter starkes eigenständiges Reich, dessen Bevölkerung ab dem 10. Jahrhundert einen grossen Anteil an Skandinaviern aufwies; und die Gebiete Galloway und Strathclyde im Süden Schottlands. In einem ersten Schritt soll untersucht werden, welche Formen der Ehebeziehungen für die betreffenden Gebiete überhaupt in den Quellen angesprochen werden und ob es klare Zeugnisse für polygyne oder polyandre Beziehungen gibt. In einem zweiten Schritt liegt der Fokus darauf, ob und wie die Autoren diese Praktiken werten. Ziel des Projekts ist, anhand dieser Fragestellung die Verbreitung christlicher Wertevorstellungen, sowie deren unterschiedliche regionale Ausprägung zu verfolgen. Vielleicht liesse sich damit auch beantworten, ob ganz Grossbritannien das kanonische Kirchenrecht voll rezipiert hat.
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