Project

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Geheime Kommunikationsüberwachung mit Sprachmittlern

English title Intercepting with interpreters
Applicant Capus Nadja
Number 184896
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Faculté de droit Université de Neuchâtel
Institution of higher education University of Neuchatel - NE
Main discipline Legal sciences
Start/End 01.12.2019 - 30.11.2022
Approved amount 795'714.00
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All Disciplines (3)

Discipline
Legal sciences
Applied linguistics
Ethnology

Keywords (5)

Dolmetschen/Übersetzen; Kommunikationsüberwachung; Strafprozessrecht; Beweiserhebung; Rechtstatsachen

Lay Summary (German)

Lead
Die geheime Kommunikationsüberwachung kann als effizientes Mittel zur Überführung von Verbrechern beitragen. Die Strafverfolgungsbehörden erhalten hilfreiche Hinweise und nützliche Beweise. Handelt es sich allerdings um keine Landessprache, hängt der Zugang zu diesem Wissen vollständig von der Leistungsqualität der Sprachmittler und Sprachmittlerinnen ab.Im vorliegenden Projekt wird an der Universität Neuchâtel unter der Leitung von Prof. Nadja Capus während drei Jahren erstmals aus interdisziplinärer Sicht die Entstehung und Verwertung dieser Sprachvermittlungsbeiträge untersucht. Es entstehen rechtstatsächliche, rechtsdogmatische, ethnografische und translationswissenschaftliche Untersuchungen.
Lay summary

Die Kommunikationsüberwachung – per Wanze, übers Kabel- oder via Mobiltelefon – ist eine unter bestimmten Bedingungen erlaubte strafprozessrechtliche Zwangsmassnahme, technisch möglich und teuer. Zielfuhrend ist diese Zwangsmassnahme allerdings nur, wenn die Gesprächsinhalte verstanden werden. Folglich ist die Strafjustiz völlig abhängig von der Leistung guter Sprachmittler/innen. Sprachmittler/innen legen mit ihrer Arbeit den Grundstein fur Einvernahmen und für Entscheide betreffend weiterer Zwangsmassnahmen durch die Staatsanwaltschaft. Auch die Strafgerichte sind bei ihrer Tat- und Täterbeurteilung auf gute Leistungsqualität und korrekte Entstehung der Sprachvermittlung angewiesen.

Von Sprachmittlern und Sprachmittlerinnen werden bei geheimer Kommunikationsüberwachung nicht nur besondere sprachliche Fähigkeiten wie Dialektkenntnisse, sondern auch Stimmerkennungskompetenzen, kriminalistisches Gespur und eventuell gar Insiderwissen erwartet. Interpretations- und Selektionsschritte der Polizei und Staatsanwaltschaft sind beeinflusst durch ihre Einschätzungen.

Die Strafprozessordnung, die Rechtsprechung wie auch die Rechtswissenschaften ignorieren die besondere Rolle dieser Sprachmittler, deren Tätigkeit sich stark von anderen Verdolmetschungsaktivitäten wie derjenigen bei polizeilichen Einvernahmen oder vor Gericht unterscheidet. De lege lata wird ihnen eine neutrale Sachverständigenrolle zugeschrieben – eine Rolle, die dem aktuellen Erkenntnisstand der internationalen sozialwissenschaftlichen Forschung widerspricht.

Der Forschungsbedarf ist angesichts der Lücken, der Bedeutung der daraus entstehenden Beweismittel und der damit verbundenen Verfahrenskosten enorm.

Mit dem Forschungsprojekt „Geheime Kommunikationsuberwachung mit Sprachmittlern“ werden unter der Leitung von Prof. Dr. Nadja Capus, Universität Neuchâtel und ihren Partnerinnen, Univ.-Prof. Mag. Dr. Mira Kadric-Scheiber, Translationswissenschaftlerin, Universität Wien sowie Prof. Dr. Esther González-Martínez, Soziologin, Universität Fribourg rechtsdogmatische und rechtstatsächliche Untersuchungen zur Herstellung und Verwendung von Sprachmittler-Protokollen aus Kommunikationsüberwachungs-Massnahmen in Strafverfahren, Untersuchungen der Angewandten Linguistik betreffend Rekrutierung und Produktelieferung sowie eine ethnographische Studie zur Tätigkeit und Zusammenarbeit von Sprachmittlern mit der Polizei und der Justiz durchgeführt.

Angestrebt wird eine Sensibilisierung und Weiterentwicklung der Rechtspraxis auf allen Verfahrensebenen, die mit der geheimen Kommunikationsuberwachung bzw. mit deren Endprodukt als Beweismittel befasst sind. Es besteht zudem eine enge Zusammenarbeit mit der Fachgruppe fur Gerichts- und Behördendolmetschen- und ubersetzen des Kantons Zurich im Hinblick auf die Einfuhrung eines besonderen Akkreditierungsverfahrens.

Direct link to Lay Summary Last update: 08.04.2019

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Project partner

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
197405 Digital Skills and Training Needs of 50+. A Study Beyond the Digital Divide 01.09.2020 NRP 77 Digital Transformation

Abstract

Die geheime Kommunikationsüberwachung (nachfolgend: KÜ) ist zu einem wichtigen Element von Strafverfahren geworden. Diese strafprozessrechtliche Zwangsmassnahme ist technisch möglich, aber nur zielführend, wenn die Gesprächsinhalte verstanden werden. Sprachmittler legen den Grundstein für Einvernahmen und weitere Zwangsmassnahmen durch die Staatsanwaltschaft und machen zuhanden des Strafgerichts wichtige Beweismittel durch ihre Übersetzung/Dolmetschung erst verfügbar. Von Sprachmittlern bei geheim überwachter Kommunikationen werden nicht nur besondere sprachliche Fähigkeiten wie Dialektkenntnisse, sondern auch Stimmerkennungskompetenzen, kriminalistisches Gespür und Insiderwissen erwartet. In ihrer Hand liegen die Interpretations- und Selektionsschritte, die den Herstellungsprozess von KÜ-Übersetzungsprotokollen kennzeichnen. Die Strafprozessordnung wie auch die Rechtswissenschaften haben ignorieren die besondere Rolle dieser Sprachmittler, deren Tätigkeit sich stark von der Verdolmetschung in Einvernahmen unterscheidet. De lege lata wird ihnen eine neutrale Sachverständigenrolle zugeschrieben, die der Erkenntnis der internationalen sozialwissenschaftlichen Forschung widerspricht. Diese hat übereinstimmend eine aus rechtsstaatlicher Sicht beunruhigende Tendenz hin zu eher be- als entlastenden Interpretationen erkannt. Der Forschungsbedarf ist angesichts der Lücke betreffend Einsatz von KÜ-Sprachmittlern und deren Mitarbeit bei der Beweismittelerhebung einerseits und der gleichzeitigen Bedeutung von damit generierten Beweismitteln inklusive Verfahrenskosten andererseits, enorm. Mit dem Forschungsprojekt sollen rechtsdogmatische und rechtstatsächliche Untersuchungen die Herstellung und Verwendung von Sprachmittler-Protokollen aus KÜ-Massnahmen in Strafverfahren (Literaturrecherche, Gesetzes- und Urteilsanalysen sowie Dokumentenanalyse von Dossiers abgeschlossener Straffälle) durchgeführt werden; ergänzt durch Untersuchungen der Angewandten Linguistik betreffend Rekrutierung (Online-Fragebögen an dafür zuständige Polizeibeamte plus Interviews) und Produktelieferung (Sprachmittler-Protokoll, Ausschnitten in Polizeirapporten, Einvernahmeprotokollen, Anklageschriften und Urteilsschriften) und einer ethnographischen Studie der Tätigkeit und Zusammenarbeit von Sprachmittlern mit der Polizei und der Justiz. Angestrebt wird eine Sensibilisierung und Weiterentwicklung der Rechtspraxis auf allen Verfahrensebenen, die mit der geheimen Kommunikationsüberwachung bzw. mit deren Endprodukt als Beweismittel befasst sind. Es besteht zudem eine enge Zusammenarbeit mit der Fachgruppe für Gerichts- und Behördendolmetschen- und übersetzen des Kantons Zürich im Hinblick auf die Einführung eines besonderen Akkreditierungsverfahrens, inkl. Ausbildung und Prüfung.
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