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Governing by Values: Zur Geschichte der Medizin- und Bioethik in der Schweiz

English title Governing by Values: On the History of Medical Ethics and Bioethics in Switzerland
Applicant Steinke Hubert
Number 184880
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Institut für Medizingeschichte Universität Bern
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.09.2019 - 31.08.2023
Approved amount 848'118.00
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All Disciplines (3)

Discipline
General history (without pre-and early history)
Swiss history
Legal sciences

Keywords (11)

Medical Practices; History of Norms; Regulation; Values; Informed Consent; History of Law; Biovalue; History of Ethics; History of Medicine; Life Sciences; Clinical Research

Lay Summary (German)

Lead
Werte und Bewertungen des Lebens und der Biomedizin wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahr-hunderts vermehrt mit dem Schlagwort ‚Ethik’ adressiert. In der Schweiz wurde die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften zur zentralen Schaltstelle für solche Fragen; ihr Archiv bildet die empirische Basis dieses Forschungsprojekts.
Lay summary

Die Medizin- und Bioethik problematisiert technologische Möglichkeiten, stellt aber zugleich auch Verfahren bereit, die legitimierend wirken und Vertrauen herstellen. Damit gerät ihre Operationslogik in den Blick: Seit den 1960er Jahren gerieten zuvor politische oder wissenschaftliche Fragen in ihren Zuständigkeitsbereich; es kam zum einem Aufstieg der Figur des Experten und zu einem Vertrauensverlust in etablierte medizinische Verfahren. Ein an Daten orientiertes „governing by numbers“ wurde von einem auf Werte und Normen gestützten „governing by values“ abgelöst. In der Schweiz wurde die SAMW dafür zuständig. Sie verhandelte Fragen zu den Grenzen des Lebens mit wachsender Ausstrahlung in gesetzgeberische Prozesse und die mediale Öffentlichkeit. Ethik ist zwar durch nationale und internationale Formalisierungen geprägt, zirkuliert jedoch in Form von Diskursen und Verfahren auch global, weshalb ihre Geschichte nicht als schweizerischer Sonderfall untersucht werden kann. Das Projekt ist in drei Teilprojekte gegliedert: Ein historisches Dissertationsprojekt untersucht ethische Grenzaushandlungen in der klinischen Forschung; ein zweites Projekt erforscht menschliches Material und damit verbundene ökonomische und normative Werte; und ein rechtshistorisches Dissertationsprojekt widmet sich der Genese von Normen zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren.

Direct link to Lay Summary Last update: 08.08.2019

Responsible applicant and co-applicants

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Abstract

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wurden Fragen und Interventionen um die Grenzen des Lebens vermehrt mit Ethik adressiert. Diese Entwicklung hat sich seit den 1980er Jahren in den westlichen Gesellschaften verdichtet und manifestiert sich bis heute in vielen Formen - sei es als Medizin-, Bio- oder klinische Ethik oder jüngst als Neuro- oder Ökoethik -, so dass bereits von einem ‚ethical turn’ die Rede war. Der Medizin- und Bioethik moderner Prägung wohnt jedoch eine Ambivalenz inne: Zum einen problematisiert sie Themen, Technologien und Interventionen der Medizin und Biotechnologie, zum andern stellt sie auch Verfahren bereit, die für diese legitimierend wirken und Vertrauen herstellen. Damit geraten die konkreten Operationslogiken und Funktionen der Ethik in den Blick, die anhand der These eines Übergangs von einem an Statistik orientierten ‚governing by numbers’ hin zu einem an Werten und Normen orientierten ‚governing by values’ untersucht werden.In der historischen Perspektive wird deutlich, dass Ethik Verschiebungen vornimmt, die mit dem linearen Narrativ, dass neue Technologien neue Fragen aufwarfen, nur unzureichend beschrieben wurden. Vielmehr gerieten seit den ausgehenden 1960er Jahren auch zuvor soziale, politische oder wissenschaftliche Fragen in den Zuständigkeitsbereich der Ethik, ein Prozess, der als Moralisierung westlicher Gesellschaften beschrieben wurde. Im Rückgriff auf zentrale Entwicklungen der jüngeren Geschichte - wie dem Aufstieg der Figur des Experten, dem Vertrauensverlust in etablierte medizinische und wissenschaftliche Verfahren aufgrund sozialer Bewegungen sowie neuen Formen der Regulierung - untersucht das Forschungsprojekt die schweizerische Medizin- und Bioethik in einer dezidiert historischen Perspektive.Es kann dafür auf den bisher unbearbeiteten, umfassenden Quellenbestand der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) zugreifen. Diese hat sich seit den 1960er Jahren zur zentralen Schaltstelle für medizin- und bioethische Fragen in der Schweiz entwickelt, die zunächst vor allem fachintern, im Laufe der Jahre jedoch mit wachsender Ausstrahlung in die Politik, die Gesetzgebung und mediale Öffentlichkeit ethische Fragen verhandelte und normsetzende Richtlinien ausarbeitete.Das Forschungsvorhaben ist in drei Teilprojekte gegliedert: Ein historisches Dissertationsprojekt untersucht ethische Grenzaushandlungen in der klinischen Forschung zwischen Experiment und Therapie. Ein zweites historisches Projekt erforscht menschliches Material und damit verbundene Abwägungen zwischen ökonomischem Wert und normativen Werten. Ein rechtshistorisches Dissertationsprojekt widmet sich der Genese von Normen zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren, Verfahren der Normgebung und deren demokratischer Legitimation. Das Forschungsprojekt untersucht somit eine für die Schweiz bisher weitgehend unerforschte Geschichte, die über die Landesgrenzen hinausweist: Am Beispiel der schweizerischen Bio- und Medizinethik werden Prozesse der Ethisierung, Wertgebung und Normsetzung im Kontext eines Hochtechnologie- und Forschungsstandortes und einer Regierungsweise der niederschwelligen Aushandlung greifbar.
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