Project

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Geteiltes Lesen. Literatur digital lesen und schreiben

English title Shared Reading. Reading and Writing Literature Digital
Applicant Lauer Gerhard
Number 183012
Funding scheme Digital Lives
Research institution Digital Humanities Lab Philosophisch-Historische Fakultät Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline Applied linguistics
Start/End 01.12.2018 - 31.01.2021
Approved amount 135'618.00
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All Disciplines (2)

Discipline
Applied linguistics
German and English languages and literature

Keywords (6)

Digitale Plattformen; Digitalisierung; Schreiben; Lesen; Adoleszenz; Lesesozialisation

Lay Summary (German)

Lead
Entgegen der oft formulierten Deklamation vom Ende der Kulturtechnik des Lesens und des Buches schreiben und lesen gegenwärtig jeden Tag mehr als 100.000 meist jugendliche Leser*innen auf digitalen Lese- und Schreibplattformen gemeinschaftlich Geschichten. Unklar ist bisher aber, wie und mit welchen Konsequenzen sich die Digitalisierung auf das Leseverhalten von Jugendlichen konkret auswirkt.
Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

Das Projekt geht speziell den veränderten sozialen Prozessen des Lesens und Schreibens von Literatur nach. Im Mittelpunkt stehen die jungen Leserinnen und Leser des digitalen Zeitalters und ihre distinkten Wege der Lese- und Schreibsozialisation.

Dieser Fokus wirft eine Vielzahl an Fragen auf, welche im Rahmen des Projektes beantwortet werden sollen: Welche Texte werden wo gelesen? Wie erfolgt geteiltes Lesen und Schreiben und durch was zeichnet es sich gegenüber der privaten Lektüre und Schreibpraxis aus? Wie sprechen aktive Nutzer*innen über Literatur? Stehen realweltliche und digital bedingte Beziehungen zwischen Leser*innen in einem Verhältnis zueinander? Und mit welcher Konsequenz? Und warum wird eigentlich digital gemeinsam gelesen und geschrieben?

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Im Sinne einer mehrmethodischen Herangehensweise integriert das Projekt deskriptive, qualitative und quantitative Ansätze um das geteilte Lesen und Schreiben im world wide web und die digitale Lesesozialisation Jugendlicher besser verstehen zu können. Es leistet einen Beitrag zur Erforschung der Transformation des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung und damit einhergehender gesellschaftlicher Effekte.

Direct link to Lay Summary Last update: 21.11.2018

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Abstract

Verbürgerlichung und Ästhetisierung der Lebenswelt haben grundlegend zur Herausbildung der Moderne seit dem 19. Jahrhundert beigetragen (Nipperdey 1988). In diesem historischen Prozess sind das Schreiben von Büchern, ihre meditative Privatlektüre und ihre gesellschaftliche Diskussion (Habermas 1962/1971) die wesentlichen Prozesse, die die uns vertraute moderne Öffentlichkeit der Gesellschaft und die Privatheit des Individuums zugleich ermöglicht haben. Im digitalen Zeitalter erfahren diese Prozesse grundlegende Veränderungen. In der Konsequenz dieser Veränderungen gehen viele Beobachter soweit, vom Ende des Buchs und des Lesens zu sprechen (z.B. Wolf 2007). Entgegen dieser gängigen Einschätzung kann man jedoch zeigen, dass noch nie so viel und so intensiv gelesen und über Literatur diskutiert wurde wie gerade unter den Bedingungen digitaler Gesellschaften (Lauer 2019, in Vorbereitung). Genauer gibt es jenseits des etablierten Literaturbetriebs einen neuen, digitalen Literaturbetrieb (Alexander & Rhodes 2018). Hier bestimmen andere Abläufe und Gegebenheiten, wie Literatur geschrieben, getauscht und bewertet wird. Unsere Arbeitshypothese ist, dass es andere sozialen Interaktionsprozesse des Lesens und Schreibens sind, die den digitalen vom analogen Literaturbetrieb unterscheiden. Das Projekt geht den veränderten sozialen Prozessen des Lesens und Schreibens von Literatur nach. Im Mittelpunkt stehen die jungen Leserinnen und Leser des digitalen Zeitalters und ihre distinkten Wege der Lese- und Schreibsozialisation.Gegenwärtig teilen, kommentieren und bearbeiten auf Plattformen wie beispielsweise „Wattpad“ jeden Tag mehr als 100.000 zumeist jugendliche Leser und Leserinnen - mehrheitlich über das Smartphone - ihre Geschichten. Anhand vielfältiger Kommentar- und Chatfunktionen tauschen sich diese Leser-AutorInnen aus, einzelne Kapitel werden kommentiert und Details der Anlage von Geschichten, über Figuren und Plot, Perspektiven und Ausdrucksweisen intensiv diskutiert. Auf anderen Plattformen werden die fertigen Bücher rezensiert. Verlage greifen die erfolgreichen Titel ab. Stars wie Anna Todd oder Rupi Kaur werden geboren. Der digitale Literaturbetrieb ist ein anderer als der uns bekannte.Um die Veränderung genauer zu erfassen, nutzen wir ein sozialinteraktionistisches Lesemodell. In der Tradition von Jerome Bruners (1983) Arbeiten zur sozialinteraktionistischen Theorie des Sprach- und Erzählerwerbs und den text- und diskurslinguistischen Forschungen von Uta Quasthoff (2011), Kate Nation (2018) u.a. wird Sprache und damit auch komplexere Formen der Selbstreflexion und der gesellschaftlichen Teilhabe in pragmatischen Situation erlernt (Discourse Acquisition Support System). Für das Lesen und Schreiben von Literatur sind dabei zwei Phasen zentral. Einmal das Lesen in der Familie, angefangen mit dem Vorlesen durch Mutter und Vater. Zum anderen das Lesen mit Gleichaltrigen in der Adoleszenz. Wie Quasthoff, Nation u.a. wiederholt zeigen konnten, werden in diesen Situationen des geteilten Lesens eine komplexere, weil situativ entkoppelte Sprache genutzt, eine Bildungs- oder auch Buchsprache. Fällt diese Erfahrung des geteilten Lesens (shared reading) aus, sind Lese- und Schreibfähigkeit gefährdet. Wir gehen davon aus, dass in den digitalen Literaturplattformen diese sozial-kognitive Abstimmungsprozesse erfolgen, die für lebenslange Lesekarrieren entscheidend sind -- wiewohl unter anderen Rahmenbedingungen und damit einhergehenden, veränderten sozialen Aspekten und Prozessen. Diese neuen, für die Lesekarrieren so bestimmenden digitalen Lese- und Schreib-Sozialisationsprozesse untersuchen wir mithilfe eines mehr-methodischen Ansatzes.
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