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Emergentes Erinnern. Fragmentierte Syntax und textuelle Herstellung in Gegenwartsliteratur und Oral History

English title Emergent Memory. Fragmented Syntax and Textual Construction in Contemporary Literature and Oral History
Applicant Klinkert Thomas
Number 176366
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Romanisches Seminar Universität Zürich
Institution of higher education University of Zurich - ZH
Main discipline Romance languages and literature
Start/End 01.09.2018 - 31.08.2021
Approved amount 398'753.00
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Keywords (8)

Oral History; (Online)-Syntax; Emergenz; Literaturwissenschaft; Autobiographie; französische Gegenwartsliteratur; Linguistik; Erinnerung

Lay Summary (German)

Lead
Erinnerung funktioniert nicht nach dem Modell von Speicherung und Abruf des Gespeicherten, sondern als Prozess der Rekonstruktion. Dieser hinterlässt Spuren sowohl in mündlichen Erinnerungserzählungen (Oral-History-Interviews) als auch in bestimmten literarischen Texten von Autoren wie Claude Simon und Jorge Semprún. Beide Textsorten beziehen sich schwerpunktmässig auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundenen Gewalterfahrungen und Traumatisierungen.
Lay summary
Dieses interdisziplinäre Projekt verbindet Linguistik und Literaturwissenschaft. Es setzt sich zum Ziel, die genannten Textkorpora (mündliche Erinnerungserzählungen und literarische Erinnerungstexte) vergleichend zu untersuchen. Dabei soll sichtbar gemacht werden, dass trotz grundlegender Unterschiede zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie zwischen Lebenserzählung und literarischer Stilisierung beide Korpora eine grundlegende Gemeinsamkeit besitzen: Es lassen sich in ihnen auf sprachlicher Ebene analoge Prozesse der allmählichen Entstehung von Erinnerung (Emergenz des Erinnerns) nachweisen. Dabei werden bestimmte Techniken wie Prozessualität, Perspektivität, Handlungsbeteiligung (Agency) und Aushandlung angewendet. 

Das zentrale Ziel des interdisziplinären Projekts besteht in der Darstellung des Erinnerns als eines sozial-interaktiven, sprachlich hergestellten Emergenzprozesses. Ein besonderer Mehrwert liegt darin, bislang unentdeckte Gemeinsamkeiten zwischen literarischen und mündlichen autobiographischen Erinnerungstexten herauszuarbeiten. Der gesellschaftliche Kontext ist die seit etwa 20 Jahren zu beobachtende Konjunktur des Nachdenkens über Erinnerung in einer Zeit, in der die Zahl der noch lebenden Zeugen des Zweiten Weltkriegs immer kleiner wird. 
Direct link to Lay Summary Last update: 25.04.2018

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Abstract

Das Projekt untersucht die sprachliche Herstellung von autobiographischer Erinnerung in der Gegenwartsliteratur und in Oral-History-Interviews auf der Grundlage französischsprachiger Erinnerungserzählungen mit inhaltlichem Schwerpunkt auf der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Basis des literaturwissenschaftlich-linguistischen Projekts ist die in der Gedächtnisforschung gewonnene Erkenntnis, dass die Erinnerung nicht nach dem Modell von Speicherung und identischer Wiederbereitstellung des Gespeicherten funktioniert (v. Foerster 1993), sondern als ein komplexer Prozess der (Re-)Konstruktion begreifbar ist, der bestimmten kognitiven, sprachlich-interaktiven und kommunikativen Rahmenbedingungen unterliegt.Ausgangspunkt der Untersuchung des Erinnerns aus kombinierter sprach- und literaturwissenschaftlicher Perspektive ist die Feststellung, dass in autobiographischen Erinnerungserzählungen häufig eine spezifische Entwicklung stattfindet, die als allmähliche, sich herantastende Verfertigung der Erinnerung beim Erzählen (Emergenz) bezeichnet werden kann. Eine Versprachlichung, die sich nach und nach ihrem Ziel annähert, in der man also die Spuren der Formulierungsarbeit noch deutlich erkennen kann, ist prinzipiell kennzeichnend für mündliches Erzählen. Hier sind häufig Emergenzphänomene wie syntaktische Fragmente, Wiederholungen, Reparaturen, Parenthesen und Digressionen zu finden. Auch die literaturwissenschaftliche Betrachtung erkennt in solchen Emergenzstrukturen grundlegende Textkonstitutionsverfahren, die sich in modernen, experimentellen Formen schriftlichen Erzählens manifestieren. Der gemeinsamen Arbeit von Linguistik und Literaturwissenschaft liegt die Prämisse zugrunde, dass solche Techniken und Strategien des Sich-Herantastens keinesfalls als Performanzdefizit zu verstehen sind, sondern dass diese Art und Weise des Erzählens für die narrative Produktion und Rezeption von Erinnerung konstitutiv ist. Im Herantasten produzieren die Erzähler lokal funktionale ‚Teilstücke‘ auf dem Weg zu ihrer Erinnerung. Diese Offenheit und Nichtabgeschlossenheit der Teilstücke ermöglicht die schrittweise Weiterentwicklung, partielle Revision und Elaboration der Erzählung mit der Möglichkeit einer späteren Präzisierung und damit der Emergenz von Bedeutung im allmählichen Fortschreiten des Prozesses syntaktischer Konstruktion. Das zentrale Ziel des interdisziplinären Projektes besteht in der Darstellung des Erinnerns als eines sozial-interaktiven, sprachlich hergestellten Prozesses und in der Analyse des Inventars hierfür eingesetzter Verfahren und Techniken. Ein besonderer Mehrwert liegt darin, bislang unentdeckte Gemeinsamkeiten zwischen literarischen und mündlichen autobiographischen Erinnerungstexten herauszuarbeiten und dadurch grundsätzliche Rückschlüsse auf die emergente Struktur des Erinnerungsprozesses zu erlauben, soweit dieser sich in narrativer Form niederschlägt.
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