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Das lesende Volk. «Seelenbeschreibungen» als Zeugnisse früher Volksbildung in den städtischen und ländlichen Lebenswelten Zürichs 1630-1770

English title A reading people. Parish Records as documents proving early literacy in the urban and rural communities in the canton of Zurich between 1630 and 1770
Applicant Egger Michael
Number 175385
Funding scheme Doc.CH (until 2020)
Research institution Historisches Institut Universität Bern
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline Swiss history
Start/End 01.02.2018 - 31.01.2022
Approved amount 245'009.00
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All Disciplines (2)

Discipline
Swiss history
Ecclesiastical history

Keywords (11)

Statistical Inquiries; Literacy; Church History; Early Modern Europe; Swiss History; History of Education; European History; Parish Records; Pietism; Alphabetisation; Confessionalisation

Lay Summary (German)

Lead
Das lesende Volk. Seelenbeschreibungen als Zeugnisse früher Volksbildung in den städtischen und ländlichen Lebenswelten Zürichs 1630-1770Die Erforschung der Alphabetisierung stellt eine der elementarsten Fragen an eine Gesellschaft überhaupt: die Chance von Männern und Frauen, an den schriftlichen Diskursen ihrer Zeit teilzuhaben. Bis heute hält sich ein Bild, wonach erst die Aufklärung oder der liberale Staat des 19. Jh. dem Volk Lesen und Schreiben beibrachte. Die Studie wird dies umfassend widerlegen.
Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

Mangels Alternativen wurden Alphabetisierungsraten vor 1800 meist mittels Unterschriften ermittelt – eine zweifelhafte Quelle für die Fragen: Wer kann lesen und schreiben?

Für Zürich existieren für die Zeit von 1630 bis 1770 über 2000 "Seelenbeschreibungen": Gemeindeverzeichnisse, in denen der Pfarrer geprüfte Fähigkeiten notierte. Damit können 55'000 Erwachsene aus ca. 60 Gemeinden der Stadt und Landschaft auf die Lese- und die seltener angegebene Schreibfähigkeit hin untersucht werden – samt der Einflussfaktoren Alter, Geschlecht und Beruf. Für ca. 30 Gemeinden erfolgen Detailstudien mithilfe von Schulbesuch- und Buchbesitzangaben, Quellen zum sozialen Status und der lokalen Bildungspraxis.

Als Beschreibungen der Seelen – nicht der Körper – waren Seelenbeschreibungen Messinstrumente des persönlichen Glaubenswissens. Sie wurden im 17. Jh. vielerorts in Europa angelegt und gingen mit pfarrlichen Hausvisitationen und Bildungsreformen einher. Die Massenalphabetisierung wird folglich erstmals im europäischen Kontext der Konfessionalisierung beleuchtet.

 

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Die Geschichtswissenschaft erhält mit der umfangreichsten empirischen Alphabetisierungsstudie vor 1800 Grundlagenwissen über die Fähigkeit einfacher Leute, an der "Hochkultur" zu partizipieren. Zürich und die Schweiz werden zum Fallbeispiel im bildungs-, kirchen- und sozialgeschichtlichen Kontext des frühneuzeitlichen Europas.

Direct link to Lay Summary Last update: 01.02.2018

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
De haereticis an sint persequendi im Spiegel der reformierten Täuferverfolgung und als Streitschrift gegen Heinrich Bullinger
EggerMichael (2018), De haereticis an sint persequendi im Spiegel der reformierten Täuferverfolgung und als Streitschrift gegen Heinrich Bullinger, in Mahlmann-Bau Barbara (ed.), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 385-422.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Eva Lehner, Universität Duisburg-Essen Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Graduiertenkolleg Interkonfessionalität in der Frühen Neuzeit Universität Hamburg Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Research Infrastructure
- Exchange of personnel
Dr. Urs Leu (ZB Zürich) Switzerland (Europe)
- Publication
Prof. Mirjam G.K. van Veen (Netzwerk "Täufer- und Spiritualistenforschung"), Universität Amsterdam Netherlands (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Exchange of personnel
Prof. Dr. Hermann Ehmer Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Dr. Toby Matthiesen (Oxford) Great Britain and Northern Ireland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Dr. Norbert Furrer Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Prof. em. Dr. Johannes Wallmann Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Prof. Dr. Veronika Albrecht-Birkner, Zweitbetreuerin Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Research Infrastructure
Prof. Dr. Roger Chartier France (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Sarah Rindlisbacher, Universität Bern Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Prof. Dr. Alfred Messerli Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Prof. Dr. Barbara Mahlmann-Bauer Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Dr. Andrea de Vincenti Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Ecoplan / Simon Iseli Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
- Research Infrastructure
- Exchange of personnel
Dr. Christian Scheidegger, ZB Zürich Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Prof. Dr. Dr. Hartmut Lehmann Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Prof. Dr. Beat Kümin Great Britain and Northern Ireland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Research Infrastructure
- Exchange of personnel
Dr. Eva Brugger, Universität Zürich Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Prof. em. Dr. Hans Medick Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Forschungsprobleme der aussereuropäischen und der fruhneuzeitlichen Geschichte (Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr. Stefan Brakensiek, Prof. Dr. Chrisoph Marx ) Individual talk Das lesende Volk. 'Seelenbeschreibungen' als Zeugnisse früher Volksbildung in den städtischen und ländlichen Lebenswelten Zürichs 1630-1770 25.04.2019 Essen-Duisburg, Germany Egger Michael;
Doktorierendenkolloquium Frühjahressemester 2019 der Universität Bern von Prof. Dr. em. H.R. Schmidt, Prof. Dr. A. Holenstein Talk given at a conference Das lesende Volk. 'Seelenbeschreibungen' als Zeugnisse früher Volksbildung in den städtischen und ländlichen Lebenswelten Zürichs 1630-1770 24.01.2019 Bern, Switzerland Egger Michael;
Mitten in Europa? Aktuelle Perspektiven auf die Schweizer Geschichte in der Frühen Neuzeit (Einführungsveranstaltung von Dr. Eva Brugger, Universität Basel) Individual talk Seelenbeschreibungen“ als Quellen für eine alphabetisierte Bevölkerung Europas vor der Aufklärung. Das Fallbeispiel des frühneuzeitlichen Zürichs 31.10.2018 Basel , Switzerland Egger Michael;
Religiöse Toleranz – Historische Grundlegungen und Praktiken in Europa seit der Reformation. (Internationale Tagung, Universität Bern) Talk given at a conference Johann Jakob Breitinger und die Täufer – Toleranz und Verfolgung im Kontext der Konfessionalisierung, einer ‚Reformation des Lebens’ und religiösen Bildungsreformen 18.10.2018 Bern, Switzerland Egger Michael;
Lehrstuhlkolloquium des Departements Geschichte an der Universität Basel von Prof. Susanna Burghartz Talk given at a conference Seelenbeschreibungen mit längeren sittlichen Kommentaren: Bestandteile der Seele aus geschlechtsspezifischer und sozialgeschichtlicher Perspektive 02.10.2018 Basel, Switzerland Egger Michael;
Lehrstuhlkolloquium des Departements Geschichte an der Universität Basel bei Prof. Susanna Burghartz Talk given at a conference Das lesende Volk 14.05.2018 Basel, Switzerland Egger Michael;


Knowledge transfer events

Active participation

Title Type of contribution Date Place Persons involved
Begegnungstag hep verlag Workshop 09.03.2019 Zürich, Switzerland Egger Michael;


Abstract

Das lesende Volk."Seelenbeschreibungen" als Zeugnisse früher Volksbildungin den städtischen und ländlichen Lebenswelten Zürichs 1630-1770" Die Erforschung der Alphabetisierung einer Gesellschaft ist so etwas wie die "Klimageschichte der Kultur": Grundlagenforschung über die Möglichkeiten der Teilnahme von Frauen und Männern an den schriftlichen Diskursen ihrer Zeit. Lange herrschte das Forschungsparadigma vor, bis Mitte des 19. Jahrhunderts sei die europäische Gesellschaft nicht alphabetisiert gewesen. (1) In Mitteleuropa hätten um 1770 lediglich geschätzte 15% der Menschen lesen können - erst die Aufklärung und der liberale Staat des 19. Jahrhunderts hätten dies geändert (2). Zwar wurde diese populäre These von der Forschung früh zu widerlegen versucht. Doch muss deren statistische Argumentationsbasis als dünn bezeichnet werden. Denn um Alphabetisierungsraten vor 1800 zu ermitteln, hat sich besonders die westeuropäische Forschung auf serielle Quellen mit Unterschriften stützen müssen, - eine dubiose Quelle für die Beantwortung der Fragen: "Wer kann lesen und wer schreiben?" Anders als der Signaturenforschung liegen dem vorliegenden Dissertationsprojekt verlässliche Quellen vor: Seelenbeschreibungen, in denen der Pfarrer geprüfte Fähigkeiten notiert hat. Als Beschreibungen der Seelen - und nicht der Körper - waren sie Messinstrumente des persönlichen Glaubenswissens von Einzelpersonen; und damit auch der Alphabetisierung und Lektüre einfacher Leute. Nur wenige Lokalstudien in Europa konnten sich bisher auf solche Quellen mit solchen direkten Alphabetisierungsangaben stützen. Gegenwärtig ist die historische Alphabetisierungsforschung in Europa fast zum Erliegen gekommen, weil solche "besseren Quellen" als Raritäten gelten (3).Dies ist aber nicht der Fall: Die im Staatsarchiv Zürich vorhandenen Seelenbeschreibungen übertreffen die bekannten Bestände in quantitativer und qualitativer Hinsicht bei weitem. Alleine zum Stand Zürich sind für die Zeit von 1630 bis 1770 über 2000 Seelenbeschreibungen vorhanden. (3) Über 100 Verzeichnisse halten strenger Quellenkritik stand. Darin sind ca. 55'000 Erwachsene aus über 60 Gemeinden der Stadt und Landschaft Zürich im 17. und 18. Jahrhundert erfasst. Mit der Fülle an zusätzlichen Angaben lassen sich Einflussfaktoren auf die Alphabetisierung ermitteln: Alter, Geschlecht, Beruf und Schulbesuch. Über Buchbesitzangaben können religiöse und kulturelle Impulse geprüft werden. Externe Quellen zum sozialen Status und der lokalen Bildungspraxis ermöglichen Detailstudien auf Einzelperson- und Gemeindeebene. Trotz dieses Potentials wurde der Bestand bisher nur teilweise und summarisch berücksichtigt. (4) Obwohl eine umfassende Auswertung die Schweiz an die Spitze der historischen Alphabetisierungsforschung katapultieren könnte. Das Verfahren dazu ist bereits erfolgreich getestet worden. (5)Mit der Analyse der bisher kaum erforschten Quellengattung der Seelenbeschreibungen, die ab dem 17. Jh. europaweit und konfessionsübergreifend auftauchen, wird der Fundamentalprozess der Alphabetisierung im Kontext der Konfessionalisierung neu beleuchtet. Es war nicht erst die Aufklärung, die das Volk zum Lesen brachte! Wie die bisher einzige detaillierte Studie zu SBs in Sachsen-Gotha zeigt: Hausvisitationen und Bildungsreformen unter Ernst dem Frommen dienten vereint einer "Reformation des Lebens" als Ausdruck eines frühneuzeitlichen Reformprotestantismus. (6) Meine Vorstudien zeigen: Ähnliche Prozesse fanden in ganz Europa statt. Es gilt, diese mehr oder weniger parallel stattfindenden Bestrebungen zu vergleichen, nach direkten Verbindungen und Gemeinsamkeiten zu suchen und sie erstmals gemeinsam im europaweiten Kontext der Konfessionalisierung zu analysieren. In Zürich war es Antistes J.J. Breitinger (1575-1645), der solche Reformen vorantrieb. Die Seelenbeschreibungen dienten der Kirche als Evaluationsinstrument, bis sie im Kontext aufklärerischer Schulumfragen ab 1770 langsam verschwanden. Mit der Studie wird Zürich und damit die Schweiz zum einzigartigen Fallbeispiel im bildungs-, kirchen- und sozialgeschichtlichen Kontext des frühneuzeitlichen Europas.(1) Vgl. Hinrichs 1998, 35-39 (2) Vor allem infolge Rudolf Schendas populärer Studie "Volk ohne Buch" (Schenda 1988 [1. Auflage 1970], 441f.) (3) Z.B. Messerli 1999, 313; 2002, 18; Schmidt 2014, 167(4) Als "Bevölkerungsverzeichnisse": 1735; als "Haushaltungsrödel": ca. 400(5) Von Wartburg-Ambühl 1981(6) Egger 2015((7) Vgl. Albrecht-Birkner 2002 und 2015
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