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Apologien des Menschenfressers. Kulturwissenschaftliche Lektüren zu einem Gegendiskurs der Neuzeit

English title Apologies of the Maneater. Cultural Studies of a Counter-Discourse in the Modern Age
Applicant Zimmermann Elias
Number 171838
Funding scheme Early Postdoc.Mobility
Research institution Institut für deutsche Literatur Humboldt Universität zu Berlin
Institution of higher education Institution abroad - IACH
Main discipline German and English languages and literature
Start/End 01.02.2017 - 31.07.2018
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All Disciplines (2)

Discipline
German and English languages and literature
Other languages and literature

Keywords (8)

Literaturwissenschaft; Kannibalismus; Neuzeit; Komparatistik; Vergleichende Kulturwissenschaft; Rhetorikforschung; Diskursanalyse; Film

Lay Summary (German)

Lead
Apologien des Menschenfressers. Kulturwissenschaftliche Lekturen zu einem Gegendiskurs der Neuzeit
Lay summary

Die geisteswissenschaftliche Kannibalismus-Forschung fragt kaum nach den kulturphilosophischen Implikationen ihres Gegenstandes, stattdessen erklärt sie den Kannibalen meist zum bösartigen Phantasma; er diene als Projektionsfläche des ‚Fremden’, auf welches die eigenen Ängste und Leidenschaften gebannt werden. Eine solche psychologische Relativierung ist problematisch: Der Kannibale taucht zuweilen nicht als der ominöse ‚Andere’ auf, sondern als ein verständiger, manchmal besonders humaner oder für seine Mitmenschen speziell repräsentativer Zeitgenosse.

Um dieser diskursiven Alternative nachzugehen, müssen auch methodisch andere Wege beschritten werden. Für die Untersuchung auf der kulturhistorischen Makroebene ist die Diskursanalyse anleitend. Sie gesteht den Künsten die Sonderrolle zu, mit Gegendiskursen soziale Strukturen jenseits etablierter ethischer und ästhetischer Normen zu kritisieren. Der Vergleich dieser Diskurse zwischen verschiedenen Kulturräumen – insbesondere dem deutsch-, französisch- und englischsprachigen Raum – fordert übergreifende, aber auch distinkte Entwicklungslinien zutage. Auf der Mikroebene müssen die kritischen Positionen der einzelnen Werke im Detail herausgearbeitet werden. Dies geschieht sowohl im Sinne einer Poetologie des Wissens, die sich mit zeitgenössischen Wissensbestanden auseinandersetzt, als auch mithilfe der Rhetorikforschung, welche nach spezifischen Formen des Sprechens uber das Schreckliche fragt. Aufgrund ihrer poetischen und rhetorischen Qualitäten stehen insbesondere literarische Texte und Filme im Fokus.

Indem das Habilitationsprojekt prekare Grundlagen der menschlichen Selbstbeschreibung von der fruhen Neuzeit bis heute im Schlaglicht literarischer und filmischer Darstellungen des Kannibalismus analysiert, richtet es sich neben Spezialisten der vergleichenden Kultur- und Literaturwissenschaft auch an ein breites Publikum. 

Direct link to Lay Summary Last update: 11.07.2018

Responsible applicant and co-applicants

Publications

Publication
Fressen und gegessen werden. Ideologische und zynische Mahlzeiten in Christian Krachts Romanen
Zimmermann Elias (2018), Fressen und gegessen werden. Ideologische und zynische Mahlzeiten in Christian Krachts Romanen, in Matthias Christian, Riniker Christine (ed.), Frank & Timme, Berlin, 533-559.
Kannibalische Kontrakte. Der vernünftige Menschenfresser in Zeiten prekärer Aufklärung
Zimmermann Elias (2018), Kannibalische Kontrakte. Der vernünftige Menschenfresser in Zeiten prekärer Aufklärung, in pop-zeitschrift.de, 1-23.
Kurzreferat zu: Hein, Claudia: Die Essbarkeit der Welt. Einverleibung als Figur der Weltbegegnung bei Italo Calvino, Marianne Wiggins und Juan José Saer
Zimmermann Elias (2017), Kurzreferat zu: Hein, Claudia: Die Essbarkeit der Welt. Einverleibung als Figur der Weltbegegnung bei Italo Calvino, Marianne Wiggins und Juan José Saer, in Germanistik. Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen , 58(H. 1-2 ), 1120.

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Wissenschaftliches Kolloquium von Prof. Dr. Joseph Vogl Individual talk Projekt-Präsentation "Das Recht des Kannibalen" 02.05.2018 Berlin, Germany Zimmermann Elias;
Wissenschaftliches Kolloquium von Prof. Dr. Joseph Vogl Individual talk Präsentation zu Viveiros de Castros "Métaphysiques Cannibales" (2009) 08.11.2017 Berlin, Germany Zimmermann Elias;
GSA Annual Conference 5.-8.10.2017, Atlanta GA. Talk given at a conference Food First, Ethics Never (Zuerst kommt das Fressen, dann keine Moral). Cynical Cannibals from Sade to Jirgl. 05.10.2017 Atlanta GA, United States of America Zimmermann Elias;
Internationale Sommerschule des thematischen Netzwerks „Literatur – Wissen - Medien“. 22.-27. Juli 2017, HU Berlin. Talk given at a conference Input-Referat: George Canguilhems Erkenntnis des Lebens, Maschine und Organismus (zusammen mit Eva Geulen) 22.07.2017 Berlin, Germany Zimmermann Elias;
Kolloquium des PhD-Net „Das Wissen der Literatur“, geleitet von Prof. Dr. Joseph Vogl Individual talk Präsentation zu Giorgio Agambens Begriff der Lebensform 23.03.2017 Berlin, Germany Zimmermann Elias;


Abstract

Das Habilitationsprojekt „Apologien des Menschenfressers“ untersucht Darstellungen, in denen Kannibalismus implizit oder explizit gerechtfertigt werden: Angefangen mit Michel de Montaignes „Des Cannibales“ (1580) über Heinrich von Kleists „Penthesilea“ (1808) bis Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ (1991) wird dem Menschen in der Neuzeit immer wieder zugestanden, seine Artgenossen essen zu dürfen. Anhand verschiedener rhetorischer Strategien, so die zentrale Hypothese, kritisieren solche Darstellungen abendländische Entwürfe von Zivilisation, Vernunft oder Moral. Sie stellen mit einer größtmöglichen Provokation - der Entschuldigung eines scheinbar unentschuldbaren Tabubruchs - neuzeitliche Konzeptionen des Menschseins in Frage.
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