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Begehren - sprechen - handeln. Eine theologische Studie zur transformativen Performanz des Gebets

English title Desire - Speak - Act. A Theological Inquiry into Transformation in Prayer
Applicant Tietz Christiane
Number 169266
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Hermeneutik und Religionsphilosophie Theologische Fakultät Universität Zürich
Institution of higher education University of Zurich - ZH
Main discipline Religious studies, Theology
Start/End 01.07.2017 - 31.12.2019
Approved amount 138'690.00
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Keywords (5)

Gebet; Embodiment; Negtative Theologie; Metapher; Mystik und Politik

Lay Summary (German)

Lead
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts diagnostiziert man, dass das christliche Gebet in einer Krise sei ? weil sich auch der Glaube an eine personalen Gott in der Krise befinde. Aber ein bestimmtes Gottesverständnis ist nicht die Voraussetzung des Gebetes. Vielmehr ist es leiblich verankert und kann auch ohne Worte geschehen. Erst im Nachhinein verstehen wir es.
Lay summary

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts diagnostiziert man, dass das christliche Gebet in einer Krise sei ? weil sich auch der Glaube an eine personalen Gott in der Krise befinde. Aber ein bestimmtes Gottesverständnis ist nicht die Voraussetzung des Gebetes. Vielmehr ist es leiblich verankert und kann auch ohne Worte geschehen. Erst im Nachhinein verstehen wir es. 

Als ein solches (leibliches) Tun ? und Lassen ? vermittelt das Gebet einen Übergang bzw. zieht es den Menschen, der sich auf das Gebet einlässt, in einen Übergang hinein. Drei Arten von Übergängen gliedern diese Arbeit.

Erstens wird in einer Interpretation von Michel de Certeau das Gebet als Konversionsbewegung verstanden, angetrieben durch das Verlangen nach Gott als dem je Anderen, Größeren. Dabei kommt der Leib der Kirche in (spät-)modernen Gesellschaften in den Blick. Zweitens, mit Günter Bader, kommt das Gebet als Realmetapher zur Sprache. Realmetaphern vermitteln zwischen Sinn und Sinnlichkeit; sie sollen Bedeutung auf an sich Sprachloses übertragen und Prägnanz auf Sprache. Hierbei ist das Abendmahl als Vermittlung von Körperlichkeit und Sprache der gedankliche Ankerpunkt. Drittens geht es um den Zusammenhang von Beten und Handeln. Übertragung wird hier im Sinne einer Kraftübertragung verstanden. Der Geist, die dynamis Gottes, bewegt den betenden Menschen zum solidarischen Handeln auf die Neuwerdung der ganzen Welt hin. 

Das Projekt erschliesst die Rationalität des Gebets mittels Textanalysen und -interpretationen unter der Hinsicht produktiver Übergänglichkeit bei einem katholischen und einem evangelischen Theologen. Damit leistet es einen Beitrag zur interkonfessionellen Verbindung innerhalb des weiteren Rahmens des religionstheoretischen Diskurses der Gegenwart.


Direct link to Lay Summary Last update: 07.06.2017

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
143201 Beten als verleiblichtes Verstehen - Hermeneutische Zugänge zum Ereignis des Gebets 01.01.2014 Project funding (Div. I-III)

Abstract

Das Dissertationsvorhaben ist im Bereich der Gebetstheologie angesiedelt. Es wendet sich damit dem Puls oder Herzschlag des christlichen Glaubens zu. Aber diese Metapher passt nicht nur für das Christentum. Das Gebet, verstanden als Inbegriff der Zuwendung zur Transzendenz, gehört auch in den meisten anderen Religionen zu den zentralen Vollzügen religiöser Praxis. In Spannung zu seiner grundlegenden Bedeutsamkeit steht jedoch die seit der Nachkriegszeit vermehrt in der Literatur anzutreffende Wahrnehmung, dass das Gebet durch die gesellschaftlichen Entwicklungen der späten Moderne krisenhaft schwierig geworden sei und seine Weitervermittlung an nachfolgende Generationen abgenommen habe. Innerhalb dieser Spannung adressiert die geplante Arbeit das Gebet mit dem Ziel, es als ein Geschehen zu begreifen, welches zur Sprachfindung und Handlungsorientierung des Einzelnen beiträgt und damit auch politische, d.h. die Welt gestaltende Bedeutung hat. Die leitende Frage lautet: Wie führt die im Gebet wirkende Dynamik des Begehrens (etwas im Gebet erlangen wollen und dafür sprachlichen Ausdruck finden) zu einem verantwortlichen Handeln? Dafür wird das Gebet als leiblicher Vorgang zu untersuchen sein bzw. als ein Vorgang, der genau auf dem Schnittpunkt von leiblichem Vollzug und sprachlichem Ausdruck situiert ist. Als ein solcher kommt es in einer besonderen Deutung im Neuen Testament, Gebet als Seufzen des heiligen Geistes (Röm 8,26), in den Blick: Im Gebet vollzieht sich ein bestimmter leibhafter, nichtsprachlicher Vorgang, das Seufzen, der pneumatologisch gedeutet wird. Anhand dieser theologischen Deutung kann das Gebet als ein mehrschichtiges Übergangsphänomen konturiert werden. Als theoretisches Instrument bietet sich dafür der Begriff der Metapher an, ist die Metapher nach Aristoteles doch dazu da, weit auseinander Liegendes kunstvoll zusammen zu spannen; hier also Wort und Sprache und Leib und Tat. Wenn es gelingt, den metaphorologischen Gehalt des Gebets, d.h. das in ihm wirksame Übertragungsgeschehen, in einem umfassenden Sinn darzustellen, sollte damit zweierlei erreicht sein: das Gebet erstens als leiblich fundiertes, darin zutiefst sinnvolles Handeln zu verstehen, welches sich auf Selbstwerdung und Weltverantwortung auswirkt; und zweitens eine anschauliche Beschreibung des Gebets zu gewinnen, die seiner lebensweltlichen Einbettung als Sprachpraxis Rechnung trägt. Mit dieser Fokussierung knüpft das Projekt an zwei zentrale jüngere philosophische Diskurse an: den zum Leibbegriff und den zur Metapher. Der Leibbegriff ist vor allem in der Phänomenologie seit Anfang des 20. Jahrhunderts (wieder) ein zentraler locus der Theoriebildung geworden; in den Kulturwissenschaften kann inzwischen analog zum linguistic und iconic turn von einem corporeal (oder body) turn gesprochen werden. Zwei zentrale Komplexe, die innerhalb des Leib-Parameters traktiert werden, sind die Zugänglichkeit von Welt bzw. Welterschließung (teilweise unter Berücksichtigung der sozialen Dimension vorsprachlicher leiblicher Einbettung des Selbst) sowie die Erfahrungsdimension menschlichen Selbsterlebens und menschlichen Handelns. Die genannten zwei Themenstellungen bilden einen Anknüpfungspunkt für die vorliegende Arbeit. Nicht nur werden Probleme der Leibphilosophie indirekt eine Rolle spielen (z.B. der Unterschied von „Leib“ und „Körper“), sondern die Untersuchung wird auch durch den leiblichen Vorgang des Seufzens perspektiviert und die Untersuchungsergebnisse an diesem Phänomen wieder gebündelt. Darüber hinaus wird der vielschichtige und kreative Gebrauch des Leibbegriffs (im Französischen ebenfalls corps) im oeuvre eines der Referenzautoren, Michel de Certeau, den Zusammenhang von corpus als physischer, textmässiger und institutioneller Grösse erhellen können. Damit hilft er, die für das Gebet gesuchte Zielrichtung einzuschlagen, nämlich das Gebet als Teil einer christlichen Praxis zu verstehen, deren Symbolbildung gegenwärtig krisenhaft schwach ist, und damit zugleich neue hermeneutische und praktische Spielräume für das Gebet zu gewinnen. Genau wie der Leib, so hat auch die Metapher in zahlreichen Theoriefeldern im 20. Jahrhundert erneut einen Aufschwung erfahren; einige Ansätze überschneiden sich mit dem Diskurs über den Leib. Aus den vielen verschiedenen Themen, die mit der Metapher verbunden sind, steht die Körperlichkeit von Sprache in einem besonderen Bezug zum vorliegenden Projekt, die sich wiederum als eine besondere Gewichtung der Erfahrungsdimension verstehen lässt. Zwei Metapherntheorien im engeren Sinne werden in der Arbeit rezipiert werden, nämlich die kognitionswissenschaftliche Theorie der Philosophy of the flesh, zu der in Ergänzung und Abgrenzung die hermeneutisch geprägte Radikalmetaphorik tritt. Die Arbeit versteht sich insgesamt im Horizont aktueller Fragestellungen der Kulturwissenschaften und der Philosophie als eigenständiger theologischer Beitrag, der davon ausgeht, das Gespräch der verschiedenen universitären Disziplinen konstruktiv mitprägen zu sollen und zu können.
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