Project

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Religionskonzepte in russischen Orientdiskursen. Eine Untersuchung zu Wissenschaft, Literatur und Reisebeschreibungen von 1804 bis 1855

Applicant Mohn Jürgen
Number 165864
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Fachbereich Aussereuropäisches Christentum Theologischen Fakultät Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline Religious studies, Theology
Start/End 01.04.2016 - 30.06.2019
Approved amount 208'594.00
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All Disciplines (2)

Discipline
Religious studies, Theology
Other languages and literature

Keywords (8)

Kaukasus; Diskursanalyse (Foucault); Geschichte der Orientalistik in Russland; Religionskonzepte erste Hälfte 19. Jahrhundert; Russische Literatur; Russischer Orientalismus; Reiseberichte; Semiotik (Lotman)

Lay Summary (German)

Lead
Das Forschungsprojekt untersucht, wie in Russland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermittels der Rezeption fremder kultureller Kontexte gesellschaftliches Wissen über Religion produziert wurde. Analysiert werden wissenschaftliche und literarische Texte sowie Reiseberichte.
Lay summary
Im Fokus stehen zwei institutionelle und geografische Bereiche, in denen die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen ein wesentliches Motiv von Wissensproduktion darstellt. 1) Die frühe akademische sog. Orientalistik in St. Petersburg und Kazan’. 2) Die südliche Peripherie des Zarenreiches (Kaukasus und Iran/Osmanisches Reich). Während sich die Orientalistik an den Universitäten etablierte, führte die Ausdehnung des Zarenreiches in den Süden zu einer intensiven Rezeption der dortigen kulturellen Kontexte in der russischen Literatur und in Reiseberichten. Zwischen diesen literarischen und wissenschaftlichen Feldern bestanden im frühen 19. Jahrhundert verschiedentlich personelle und textuelle Querverbindungen. Das Forschungsprojekt geht der Frage nach, welche Religionsverständnisse und –konzepte in diesen für die Produktion gesellschaftlichen Wissens bedeutsamen Feldern zum Tragen kommen und untersucht diese hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Stiftung von Sinn und Identität in der russischen Kultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Das Projekt verbindet Fragestellungen der Religionswissenschaft, Slavistik und Geschichte. Es trägt dazu bei, die Entstehung moderner europäischer Religionsverständnisse als Teil einer europäischen Wissens- und Religionsgeschichte besser zu verstehen und reiht sich in die historische Imperiumsforschung zu Russland ein.
Direct link to Lay Summary Last update: 30.03.2016

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Name Institute

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
129891 Religionskonzepte und deren “Verwissenschaftlichung” in der akademischen Religionsforschung und den benachbarten Diskursen im 19. und frühen 20. Jahrhundert 01.04.2010 Project funding (Div. I-III)
138691 Erzählen jenseits des Nationalen. (Post-)Imperiale Raumstrukturen in der Literatur Osteuropas 01.03.2012 Project funding (Div. I-III)
144395 Imperial Subjects. Autobiographische Praktiken und historischer Wandel in den Kontinentalreichen der Romanovs, Habsburger und Osmanen (Mitte 19.-frühes 20. Jahrhundert) 01.03.2013 Project funding (Div. I-III)

Abstract

Das Projekt untersucht Wahrnehmungen, Beschreibungen und Konstruktionen von Religion in Russland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anhand wissenschaftlicher und literarischer Texte sowie anhand von Reiseberichten, die sich auf den ,Orient‘ beziehen. Indem es nach Religionskonzepten in der russischen Wahrnehmung des Orients fragt, greift es aktuelle Debatten in den Fächern Religionswissenschaft, Slavistik und Osteuropäische Geschichte auf. Es erweitert damit den religionswissenschaftlichen Blick auf einen bisher wenig bearbeiteten geografischen Bereich und bereichert die Diskussion um den „russischen Orientalismus“, die in den auf Osteuropa spezialisierten Fächern seit zwei Jahrzehnten geführt wird, um eine neue, religionswissenschaftliche Perspektive. Das Projekt untersucht, mit welchen Kriterien in wissenschaftlichen Werken, literarischen Texten und Reiseberichten (wissenschaftlichen und/oder literarischen Charakters) Kulturen verglichen werden und welche Rolle Religionskonzepten in diesen Kulturvergleichen zukommt. Es fragt damit nach der Bedeutung der Wahrnehmung von ,orientalischer Religion‘ für die Definition des Eigenen in der russischen Kultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie danach, wie Religion in entsprechenden Texten im Vergleich mit verschiedenen anderen Identitätsangeboten (z.B. Wissenschaft, Geschichtsbilder) positioniert ist. In diesem Rahmen ist ausserdem zu fragen, ob in den entsprechenden Texten nicht nur eine distanziert-beschreibende Sichtweise, sondern auch religiöse Perspektiven (ob fasziniert-aneignend oder abwehrend) zu beobachten sind. Den zeitlichen Orientierungsrahmen der Untersuchung bilden die Jahre 1804-1855, die als frühe Phase der akademischen Orientalistik in Russland gelten können. Das zu bearbeitende Quellenkorpus setzt sich aus Texten zusammen, die aus dem Kontext der beiden wichtigsten Zentren der frühen russischen Orientalistik (Kazan’ und St. Petersburg) entstammen sowie aus literarischen Werken und Reiseberichten, die in Situationen des Kulturkontaktes an der südlichen Peripherie des Zarenreiches (Kaukasus und Persien) entstanden sind. Das Projekt geht von drei Fallstudien zu drei einflussreichen Personen aus den beschriebenen Kontexten aus. Untersucht werden einschlägige Texte des Wissenschaftlers, Reisenden, Journalisten und Schriftstellers Osip Senkovskij (1800-1858), des Wissenschaftlers und Reisenden Il’ja Berezin (1818-1896) und des Schriftstellers Aleksandr Bestužev-Marlinskij (1797-1837). Die drei Fallstudien werden im zweiten Hauptteil der Arbeit mit ausgewählten weiteren Quellen aus denselben Kontexten verglichen.Mittels einer an den Schriften Michel Foucaults orientierten historischen Diskursanalyse sollen Religionsbeschreibungen und Religionskonzepte in den verschiedenen Textsorten (Wissenschaft, Literatur, Reiseberichte) verglichen und hinsichtlich gegenseitiger Beeinflussung und Unterschiede untersucht werden. Die so herausgearbeiteten Diskurse werden anschliessend unter Rückgriff auf die Kultursemiotik Jurij Lotmans auf ihre Funktion in der Kultur des russischen Zarenreichs im 19. Jahrhundert befragt (insbesondere anhand des Konzepts der Semiosphäre mit den wichtigen Begriffen Zentrum, Peripherie und Grenze). Mit dieser Kombination aus Diskursanalyse und Semiotik leistet das Projekt auch einen innovativen Beitrag zur Weiterentwicklung der Theorie- und Methodendiskussion einer kulturwissenschaftlich orientierten Religionswissenschaft. Ausserdem arbeitet das Projekt Aspekte der Vorgeschichte von gesellschaftlichen Debatten über Fremd- und Selbstbilder auf, die im 21. Jahrhundert aktuell sind.
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