Project

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Die Freundin. Modernes Subjekt und personale Beziehung um 1900

English title Women as Friends. Modern subjectivity and personal relationship around 1900
Applicant Arni Caroline
Number 165487
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Departement Geschichte Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.04.2016 - 31.03.2019
Approved amount 190'678.00
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Keywords (5)

Gender; Subject; Friendship; Modernity; Relationship

Lay Summary (German)

Lead
In der Moderne steht Freundschaft für eine Beziehung von Gleichen im Sinn des demokratischen Ideals. Aus der theoretischen Figur des Freundes aber waren Frauen ebenso ausgeschlossen wie aus politischen Rechten. Umso mehr praktizierten sie Freundschaft, um sich als Subjekte zur Geltung zu bringen.
Lay summary

Meisterdenker von Montaigne bis Nietzsche behandelten Freundschaft unter Frauen sowie zwischen den Geschlechtern als unmöglich: Der Freund ist stets ein Bruder. Als sich Brüderlichkeit mit Freiheit und Gleichheit zum bürgerlich-revolutionären Dreiklang verband, konkretisierte Freundschaft ein politisches Ideal in einer androzentrischen Beziehungsform. Doch setzt hier auch eine Geschichte der ‚Freundin’ ein, die von aufgeklärten Salonnièren des 18. Jahrhunderts zu feministischen Aktivistinnen und weiblichen Intellektuellen im 19. und 20. Jahrhundert führt. Sie nutzten Freundschaft, um weibliche Subjektivität zu behaupten. Dies wird anhand der Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé (1861–1937) untersucht, die auf vielfältige Weise Freundin war und über Freundschaft reflektierte.

Die Fallstudie trägt nicht nur zu einer Geschlechtergeschichte der Freundschaft bei, die sich mit Androzentrismuskritik nicht begnügt. Sie setzt sich auch kritisch mit dem Narrativ vom Niedergang des Freundschaftsideals und mit der Individualisierungsthese auseinander. Postuliert wird stattdessen, dass ‚Beziehung’ für die Moderne von epochaler Bedeutung ist und Freundschaft in diesem Kontext immer wieder neu aktualisiert worden ist. Das gilt besonders für die Zeit um 1900, als die Öffentlichkeit eine Krise der Geschlechterbeziehung fürchtete, die Wissenschaften Beziehungsformen theoretisierten und soziale Bewegungen sich vom Bruch mit Beziehungskonventionen Revolutionäres versprachen.

Direct link to Lay Summary Last update: 26.03.2016

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Jahrhunderte der Freundschaft. Ein Essay
Arni Caroline (2019), Jahrhunderte der Freundschaft. Ein Essay, in Stiehler Steve (ed.), Frank & Timme, Berlin, 19-32.
Rezension zu: Ingrid Bauer u. Christa Hämmerle (Hg.), Liebe schreiben. Paarkorrespondenzen im Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts
LeyrerAnna (2019), Rezension zu: Ingrid Bauer u. Christa Hämmerle (Hg.), Liebe schreiben. Paarkorrespondenzen im Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts, in L'Homme. Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft, 30(1), 158.
Chloe mag Olivia. Virginia Woolfs Ein Zimmer für sich allein
LeyrerAnna (2018), Chloe mag Olivia. Virginia Woolfs Ein Zimmer für sich allein, Neofelis, Berlin, 81.
Rezension zu: Dagmar Herzog, Cold War Freud. Psychoanalysis in an Age of Catastrophes, Cambridge 2016
LeyrerAnna, HänggiYves (2018), Rezension zu: Dagmar Herzog, Cold War Freud. Psychoanalysis in an Age of Catastrophes, Cambridge 2016, in theoriekritik.ch, 0.
Rezension zu: Stephan Isernhagen, Susan Sontag. Die frühen New Yorker Jahre
LeyrerAnna (2017), Rezension zu: Stephan Isernhagen, Susan Sontag. Die frühen New Yorker Jahre, in L'Homme. Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft, 28(1), 160.
Rezension zu: Cordula Kablitz-Post, Lou Andreas-Salomé -- Wie ich dich liebe, Rätselleben, Deutschland/Österreich 2016, in: critic.de, 02.07.2016
Anna Leyrer Vivien Buchhorn (2016), Rezension zu: Cordula Kablitz-Post, Lou Andreas-Salomé -- Wie ich dich liebe, Rätselleben, Deutschland/Österreich 2016, in: critic.de, 02.07.2016, critic.de, Webseite.
Rezension zu: Kanz, Christine; Krause, Frank (Hrsg.): Zwischen Demontage und Sakralisierung. Revisionen des Familienmodells in der europäischen Moderne (1880–1945). Würzburg 2015.
Anna Leyrer (2016), Rezension zu: Kanz, Christine; Krause, Frank (Hrsg.): Zwischen Demontage und Sakralisierung. Revisionen des Familienmodells in der europäischen Moderne (1880–1945). Würzburg 2015., H-Soz-u-Kult, Webseite.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Prof. Dr. Maren Möhring Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Prof. Dr. em. Claudia Honegger Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Prof. Dr. Dr. Judith Kasper Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
DoktorandInnenkolloquium am Lehrstuhl für Kulturgeschichte, Prof. Maren Möhring, Universität Leipzig Individual talk Zärtliche Freundinnen. Intimität zwischen Frauen. Dissertationskapitel 17.01.2019 Leipzig, Germany Leyrer Anna;
Kolloquium 19./20./21. Jahrhundert, Modul Werkstattgespräche (Prof. Dr. Arni) Individual talk Politik der Freundin. Dissertationskapitel 27.11.2018 Basel, Switzerland Leyrer Anna; Arni Caroline;
BTWH The Emergence of German Modernity Working Group on Friendship Individual talk Werkstattprasentation 13.04.2018 Berkeley, United States of America Leyrer Anna;
Über/In Freundschaft schreiben. Gelebte und literarisch inszenierte Freundschaften in der deutschsprachigen Literaturgeschichte Talk given at a conference "Du weißt, ich kann alleine nicht denken." Freundschaft, geträumt und gedichtet zwischen Lou Andreas-Salomé und Anna Freud 14.02.2018 Frankfurt/Oder, Germany Leyrer Anna;
Ringvorlesung "Zur Zukunft der Freundschaft" Individual talk Jahrhunderte der Freundschaft. Geschichte einer Anrufung (Eröffnungsvortrag) 26.10.2017 St. Gallen , Switzerland Arni Caroline;
Friendship Studies Workshop Talk given at a conference Women's Friendship, Women on Friendship 16.08.2017 Oxford, Great Britain and Northern Ireland Leyrer Anna;
Retraite Team Lehrstuhl Prof. C. Arni Talk given at a conference Politik der Freundin (Entwurf 1. Kapitel Disserstation) 12.06.2017 La Ferrière (Universität Basel), Switzerland Arni Caroline; Leyrer Anna;
Kolloquium Geschlechtergeschichte (Proff. C. Arni, C. Opitz, S. Burghartz), Universität Basel Talk given at a conference Die Freundin. Überlegungen zu Freundschaft und Geschlecht 24.03.2017 Basel, Switzerland Arni Caroline; Leyrer Anna;
DoktorandInnenkolloquium am Lehrstuhl für Kulturgeschichte, Universität Leipzig (Prof. Dr. Maren Möhring) Individual talk work in progress/Werkstattbericht 27.01.2017 Leipzig, Germany Leyrer Anna;
Kolloquium am Lehrstuhl für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts, HU Berlin (Prof. Dr. Birgit Aschmann) Individual talk Morgenkind und Abendkind. Lou Andreas-Salomé, Frieda von Bülow und die Fähigkeit zur Freundschaft 16.11.2016 Berlin, Germany Leyrer Anna;
Kolloquium 19./20./21. Jahrhundert, Modul Werkstattgespräche (Prof. Dr. Arni), Departement Geschichte, Universität Basel Individual talk Work in progress (precirculated Paper / Vortragsmanuskript zu Freundinnenbriefen) 08.11.2016 Basel, Switzerland Leyrer Anna; Arni Caroline;
Jahrestagung der German Studies Association Talk given at a conference Nietzsche on friendship. ‚Von den Freunden‘ and beyond 29.09.2016 San Diego, United States of America Leyrer Anna;


Self-organised

Title Date Place
Beziehungen (Kolloquium Geschlechtergeschichte) 24.03.2017 Universität Basel, Switzerland
Ausflüge ins Ungewisse. Geschichte und Psychoanalyse (Workshop für Doktorierende) 17.03.2017 Universität Basel, Switzerland
Seminar: Freundschaft, Liebe, Ehe. Beziehungsgeschichte der Moderne 20.02.2017 Universität Basel, Switzerland

Knowledge transfer events

Communication with the public

Communication Title Media Place Year
Talks/events/exhibitions Ein Paar schreibt seine Biographie: Robert Grimm und Rosa Schlain im Jahr 1916 German-speaking Switzerland 2018
Talks/events/exhibitions Freundschaft in der Moderne. Ein historisches Porträt German-speaking Switzerland 2018

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
101409 Ehe, Paare. Krisen der Geschlechterbeziehung um 1900 01.07.2003 Publication grants

Abstract

Die Geschichte der Freundschaft als Beziehungsideal ist eine Geschichte von Freunden, verfassten doch Meisterdenker die „Figur des Freundes“ gewöhnlich in „Gestalt des Bruders“ (Derrida 2002; auch Fraisse 2001). In einem Zug wies diese Konfiguration Freundschaft als eine horizontale Beziehung von zwei gleich Gearteten und die darin Verbundenen als „männlich“ aus. Freundschaft unter Frauen und Freundschaft zwischen den Geschlechtern hingegen waren Figuren der Unmöglichkeit. Die europäische Moderne führte diese androzentrische Fassung von Freundschaft weiter, indem sie „Brüderlichkeit“ mit „Freiheit“ und „Gleichheit“ zum bürgerlich-revolutionären Dreiklang verband (Schnegg 2001; Bovenschen 1986, 102) und das Horizontale der Freundschaft als jene politische Egalität verfasste, zu der Männer qua ihrer Fähigkeit zu Individuierung begabt waren (Scott 1996; Honegger 1991). Wurde Freundschaft auf diese Weise politisch aufgeladen, so konkretisierte sie ihrerseits das demokratische Ideal in einer androzentrisch verfassten Beziehungsform, was mit dem Ausschluss von Frauen aus politischen Institutionen und Rechten korrespondierte. Zugleich aber eröffnete Freundschaft als Praxis den Frauen auch einen Spielraum. So ist es zu verstehen, dass aufgeklärte Salonnièren im 18. und frühen 19. Jahrhundert (Schnegg 2001; Honegger 1991) ebenso wie feministische Aktivistinnen und weibliche Intellektuelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert (Arni 2008; Arni 2001a) die Codierung der Freundschaft als Beziehung unter individuierten Gleichen nutzten, um sich als Subjekte im modernen Sinn zur Geltung zu bringen. Hier setzt das Vorhaben ein. Untersucht wird, inwiefern Freundschaft für Frauen eine Praxis der Behauptung weiblicher Subjektivität sein konnte nicht trotz, sondern weil Freundschaft unter Frauen und Freundschaft zwischen den Geschlechtern negiert war: Insofern als die Unmöglichkeit der „Freundin“ damit begründet wurde, dass Frauen keine individuierte Gleiche sein konnten, widerlegte weibliche Freundschaftspraxis die Behauptung weiblicher Unfähigkeit zu solcher Subjektivität. Das Projekt geht davon aus, dass dieser Zusammenhang das 19. und 20. Jahrhundert überspannte, konfrontiert diese Annahme aber mit der Beobachtung, dass Thematisierungen von Individualität sich im genannten Zeitraum veränderten und dabei auch Geschlechterdifferenz stets neu ausgerichtet wurde (Scott 1996). Zur Untersuchung einer solchen Konstellation von Kontinuität und Diskontinuität bietet sich eine Kombination aus mikrohistorischer Perspektive und fallstudienorientiertem Vorgehen an. Dazu werden Schrifttum und Beziehungspraxis der Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé (1861-1937) ins Zentrum gestellt. Mit ihr lässt sich der Akzent auf den Zeitraum um 1900 setzen, in dem die personale Beziehung in ihrem Verhältnis zu Individualität und Geschlecht in gesellschaftspolitischen Debatten problematisiert, in wissenschaftlichen Diskursen theoretisiert und in sozialen Bewegungen zum Gegenstand experimenteller Praktik wurde. In dreifacher Hinsicht soll die Fallstudie über sich hinausweisen: erstens als Beitrag zu einer Geschlechtergeschichte der Neuzeit, die nicht in einer Geschichte des Ausschlusses von Frauen aufgeht, sondern stattdessen nach Praktiken weiblicher Subjektivität fragt; zweitens als Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Freundschaft nach der Epochenschwelle um 1800 jenseits von Narrativen des Niedergangs; drittens als Beitrag zu einer Geschichte der Moderne, welche die epochale Bedeutung von „Beziehung“ ernst nimmt.
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