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Die Freigeistige Häresie - Realitäten und Konstrukte

English title The Heresy of the free Spirit - Realities and Constructs
Applicant Sieber-Lehmann Claudius
Number 156739
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Departement Geschichte Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.11.2014 - 30.06.2018
Approved amount 203'531.00
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Keywords (5)

History of the Body; Late Middle Ages; Inquisition; Habitus Concepts; Heresy

Lay Summary (German)

Lead
Die Freigeistige Häresie - Realitäten und Konstrukte
Lay summary

Im Verlauf des 14. Jhs. tauchten neben den grossen häretischen Sekten in Mitteleuropa auch eine Reihe kleinerer Bewegungen auf, zu denen die „Brüder des Freien Geistes“ gehörten. Die religiösen Vorstellungen und die Organisationsformen dieser Bewegung sind trotz ihrer wiederkehrenden Präsenz in den Quellen schwer fassbar. Dies widerspiegelt sich in ihrer Behandlung durch die Geschichtswissenschaft: Im 19. Jh. wurde die häretische Bewegung als zu Unrecht vergessener Teil der Kirchengeschichte interpretiert; marxistische Deutungen sahen sie als Protestbewegung im Rahmen der frühbürgerlichen Revolution; in den Sechzigerjahren des 20. Jhs. galt sie als Entwurf einer alternativen Lebensform im Rahmen der spätmittelalterlichen Kirche; und neuere Forschungen stellten die Existenz einer realen „Sekte des freien Geistes“ und sogar aller Ketzerbewegungen in Frage.

Am Beispiel dieser „Sekte“ wird nun aufgezeigt, wie stark die Fremdwahrnehmung einer als gefährlich eingestuften Bewegung von der Selbstwahrnehmung divergieren kann, wie sich in der Folge die Fremdbeschreibung im kollektiven Verständnis stärker verfestigt sowie das Ausmass in dem die Bilder bzw. die Vorstellungen, die über die Zeit von der Bewegung entstehen, vor allem auch durch die zeitgenössische Ideologie der Forschung geprägt werden. Das Ziel des Projekts besteht darin, ein Erklärungsmodell für die zeitgenössische wie auch die durch die Historiographie aufgenommene Konstruktion einer „Sekte des Freien Geistes“ zu liefern. Dabei wird die traditionelle Kirchengeschichte mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verknüpft, um das Spannungsverhältnis zwischen den Konzepten der Verfolger und der realen Bewegung in ihrem jeweiligen städtischen Kontext zu erfassen.

Direct link to Lay Summary Last update: 26.09.2014

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Ketzerstadt Basel. Das mittelalterliche Basel als Projektionsfläche des 19. Jahrhunderts
TranterMaria, Ketzerstadt Basel. Das mittelalterliche Basel als Projektionsfläche des 19. Jahrhunderts, in Thali Johanna (ed.), De Gruyter, Berlin.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Universität Freiburg im Breisgau Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Universitäten Fribourg / Lausanne Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
158031 Kaiser und Papst als Zwillinge? Ein anderer Blick auf die Universalgewalten im Investiturstreit 01.09.2014 Publication grants

Abstract

Die historische Forschung beschäftigt sich in unregelmässigen Zeitabständen immer wieder mit der „Sekte des freien Geistes“, wobei sich folgende Entwicklung beobachten lässt: Zuerst ging es darum, die häretische Bewegung als zu Unrecht vergessener Teil der Kirchengeschichte zu interpretieren; die marxistische Deutung sah sie als Protestbewegung im Rahmen der frühbürgerlichen Revolution; in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts galt die secta spiritus liberi als Entwurf einer alternativen Lebensform im Rahmen der spätmittelalterlichen Kirche; der linguistic turn unterzog die stereotype Sprache der von der Inquisition verfertigten Quellen einer kritischen Analyse und stellte die Existenz einer realen „Sekte des freien Geistes“ und sogar aller Ketzerbewegungen in Frage.Die geplante Studie geht von drei Thesen aus: 1. Das Bild der Ketzerverfolger stellt einen Versuch dar, der zweifellos real existierenden Bewegung der Freigeister durch stereotypisierte Sektenbilder Herr zu werden. 2. Im Gegensatz zu dieser Fremdwahrnehmung lässt sich das Selbstbild der freigeistigen Häretiker teilweise aus den Gerichtsakten rekonstruieren; entscheidend - und von der Forschung noch nicht untersucht - sind die Handlungsweisen der ketzerischen Akteure im jeweiligen urbanen Umfeld. 3. Die Geschichtsschreibung zur secta spiritus liberi erweist sich als Seismometer für gesellschaftliche Verwerfungen; eine historiographische Untersuchung der einschlägigen Forschungsliteratur erlaubt an einem Fallbeispiel, die Entwicklung der Geschichtsforschung im 19. und 20. Jahrhundert nachzuzeichnen.Ziel der Dissertation ist eine Neuinterpretation und Neubewertung der „Sekte des freien Geistes“, wobei insbesondere neue methodische Vorgehensweisen zur Anwendung kommen: Die traditionelle Kirchengeschichte wird mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verknüpft, um das Spannungsverhältnis zwischen den Konzepten der Verfolger und der realen Bewegung in ihrem jeweiligen urbanen Kontext zu erfassen. Die von der Inquisition entworfenen Fremdbilder werden schliesslich mit genuin ketzerischen Handlungsweisen und einem häretischen „Habitus“ in Beziehung gesetzt, wobei das Vorgehen der Körpergeschichte als methodisches Vorbild dient.
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