Project

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Biografie- und generationengeschichtliche Brüche und Kontinuitäten in literarischen Texten von Autoren der Gruppe 47

Applicant Lorenz Matthias N.
Number 149343
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Institut für Germanistik Universität Bern
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline German and English languages and literature
Start/End 01.04.2014 - 31.03.2018
Approved amount 456'275.00
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Keywords (9)

Literaturbetrieb; Biografieforschung; Generation; Moral; Gender; Antisemitismus; Gruppe 47; Nachkriegszeit; Nationalsozialismus

Lay Summary (German)

Lead
Die Autoren der Gruppe 47 traten als unbelastete Generation an und hatten nicht zuletzt deshalb immensen Erfolg. Doch kann man aus der mentalitären Prägung im Nationalsozialismus einfach so aussteigen? Das Projekt fragt nach den literarischen Implikationen des postulierten Bruchs mit der Vergangenheit und sucht in den Texten nach Spuren des Verdrängten. Wird das Wertegefüge in ihnen wirklich neu justiert - oder werden im Nationalsozialismus erlernte Moralvorstellungen subkutan fortgeschrieben?
Lay summary

 

Die in den vergangenen Jahren aufgedeckten biografischen Widersprüche von prominenten Autoren der Gruppe 47 werfen die Frage auf, ob die Empörung darüber, dass hier einzelne – wie Alfred Andersch oder Günter Grass – vom antifaschistischen Gruppenkonsens eines unbelasteten Neubeginns durch ihre uneingestandene Biografie im Nationalsozialismus abgewichen sind, noch von den richtigen Grundannahmen ausgeht. Vielmehr drängt sich die Einsicht auf, es hierbei mit einer gewissen Regelhaftigkeit zu tun haben. Wenn diese Annahme zuträfe, dann stünde das Konstrukt einer unbescholtenen ‚Flakhelfergeneration‘, die alsbald antrat, sich als ‚Junge Generation‘ im Literaturbetrieb der Bundesrepublik zu etablieren, auf überaus tönernen Füßen.

Das Erkenntnisinteresse des beantragten Projekts setzt jedoch nicht bei der ‚Überführung‘ immer neuer Autoren der Gruppe 47 an, sondern fragt nach den Implikationen der biografischen Neuerfindung für die literarischen Texte. Vor dem Hintergrund, dass nahezu alle Schriftsteller, denen eine wie auch immer geartete Nähe zum Nationalsozialismus vorgeworfen wurde, hierzu die meiste Zeit ihres Lebens nicht nur geschwiegen, sondern auch alternative Versionen ihrer Biografie lanciert haben, ergeben sich verschiedene Fragen nach der Möglichkeit, die Prägung durch ein totalitäres System abzuschütteln und tatsächlich, wie es die 47er für sich in Anspruch nahmen, neu zu beginnen. Das Projekt fragt nach diesen vor 1945 erworbenen Prägungen, Wert- und Moralvorstellungen und will erforschen, inwiefern es zentralen Vertretern der Gruppe 47 gelungen ist, ihre Vorprägungen zu überwinden, oder ob sich bestimmte Ideologeme soldatischer Männlichkeit, moralischer Unerbittlichkeit, der partikularen Moral, des Antisemitismus und der Empathieverweigerung unterschwellig noch in jenen Texten fortgeschrieben haben, die vordergründig mit dem Nationalsozialismus gebrochen hatten und sich sogar dem Zivilisationsbruch Auschwitz (Dan Diner) zuwandten.

Direct link to Lay Summary Last update: 26.09.2013

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
„Kein Indianer mehr“? Kontinuitäten partikularer Moraldiskurse und literarischer Antisemitismus im Nachkriegswerk Wolfgang Weyrauchs (1904–1980)
Weber Nicole (2017), „Kein Indianer mehr“? Kontinuitäten partikularer Moraldiskurse und literarischer Antisemitismus im Nachkriegswerk Wolfgang Weyrauchs (1904–1980), in Haberland Detlef (ed.), 301-324.
Au weia. Kein Frühstück ohne Papaya.“ Poetiken des Pazifiks bei Christian Kracht und Hans Christoph Buch
Lorenz Matthias N. (2017), Au weia. Kein Frühstück ohne Papaya.“ Poetiken des Pazifiks bei Christian Kracht und Hans Christoph Buch, in ohannes Görbert Mario Kumekawa und Thomas Schwarz (ed.), 461-479.
"Nicht nur Grauen also" - Wolfgang Hildesheimers Poetik des Absurden und die Narrative der Gruppe 47
Bigelow Jennifer (2016), "Nicht nur Grauen also" - Wolfgang Hildesheimers Poetik des Absurden und die Narrative der Gruppe 47, in Treibhaus , 12, 61-84.
Deutsche Kontinuitäten in der Gruppe 47
Weber Nicole (2016), Deutsche Kontinuitäten in der Gruppe 47, in Lisa Dopke (ed.), 155-185.
Ärzte und Verführte. NS-Mediziner in den frühen Texten Martin Walsers
Lorenz Matthias (2015), Ärzte und Verführte. NS-Mediziner in den frühen Texten Martin Walsers, in Stephan Braese, Dominik Groß (ed.), Campus, Frankfurt am Main; New York, 177-191.
Günter Grass' Waffen-SS-Mitgliedschaft
Bigelow Jennifer (2015), Günter Grass' Waffen-SS-Mitgliedschaft, in Torben Fischer/Matthias N. Lorenz (ed.), Transcript, Bielefeld, 422-426.
Literatur über Flucht und Vertreibung
Weber Nicole (2015), Literatur über Flucht und Vertreibung, in Fischer Torben, Lorenz Matthias (ed.), Transcript, Bielefeld, 129-131.
NSDAP-Mitgliedschaften
Weber Nicole (2015), NSDAP-Mitgliedschaften, in Torben Fischer Matthias N. Lorenz (ed.), 426-429.
„Kein Außen mehr“. Imperium (2012), Krachts Ästhetik des Verschwindens und Hardts und Negris Empire (2000)
Weber Nicole, „Kein Außen mehr“. Imperium (2012), Krachts Ästhetik des Verschwindens und Hardts und Negris Empire (2000), in Lorenz Matthias, Riniker Christine (ed.), Frank & Timme, Berlin.
Generationendiskurse als kollektive Erinnerungsprozesse. Das Verführungsmotiv in frühen literarischen Texten der Gruppe 47
Bigelow Jennifer, Generationendiskurse als kollektive Erinnerungsprozesse. Das Verführungsmotiv in frühen literarischen Texten der Gruppe 47, in Manuel Maldonado Alemán/Carsten Gansel (ed.), 351-362.
Schreiben um den Holocaust - Zum Magischen Realismus in der deutschen Nachkriegsliteratur
Bigelow Jennifer, Schreiben um den Holocaust - Zum Magischen Realismus in der deutschen Nachkriegsliteratur, in Carsten Gansel (ed.), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 77-102.
Vom „Druck der Verzweiflung“ in der frühen Gruppe 47. Partikulare Moral in Alfred Anderschs Essay „Deutsche Literatur in der Entscheidung“ (1948)
Weber Nicole, Vom „Druck der Verzweiflung“ in der frühen Gruppe 47. Partikulare Moral in Alfred Anderschs Essay „Deutsche Literatur in der Entscheidung“ (1948), in Gansel Carsten (ed.).

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal, Universität Bielefeld, BRD Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
(Un/)Schuld in der Literatur Talk given at a conference W(oh)er sind die Schuldigen? Quantitativer Überblick über den Almanach der Gruppe 47 07.04.2017 Münchenwiler, Switzerland Weber Nicole;
Geteilte Erinnerung. Ausgewählte Texte der deutschen Literatur nach 1945 im Gespräch. Studientag an der Universität Lausanne Talk given at a conference Gastvortrag zu "Kontinuitäten und Brüchen in der Literatur der Gruppe 47" 16.11.2016 Lausanne, Switzerland Bigelow Jennifer; Lorenz Matthias N.; Weber Nicole;
Deutsche Kontinuitäten in der Gruppe 47 Talk given at a conference Deutsche Kontinuitäten...?! 18.03.2016 Frankfurt am Main, Germany Weber Nicole;
Ästhetik und Ideologie 1945. Wandlung oder Kontinuität poetologischer Paradigmen in Werken deutschsprachiger Schriftsteller Talk given at a conference Kein Indianer mehr‘? Narrative Konstruktionen partikularer Moral im Nachkriegswerk Wolfgang Weyrauchs 23.11.2015 Oldenburg, Germany Weber Nicole;
Das was war - das was ist - das was kommen wird". Literatur, Erinnerung und Geschichte (= XII. Internationaler Kongress der Goethe-Gesellschaft in Spanien) Talk given at a conference Generationelle Schreibweisen' in frühen literarischen Texten der Gruppe 47: Das Motiv der Verführung im Kontext des Schulddiskurses 14.10.2015 Sevilla, Spain Bigelow Jennifer;
Hans Werner Richter Literaturtage. Realistisches Erzählen als ‚Diagnose' von Gesellschaft und Erfolgsrezept in Vergangenheit und Gegenwart Talk given at a conference Literarische Kommunikationslatenz im Magischen Realismus der unmittelbaren Nachkriegszeit 13.11.2014 Bansin, Germany Bigelow Jennifer;
7. Hans Werner Richter Literaturtage. Realistisches Erzählen als ‚Diagnose‘ von Gesellschaft und Erfolgsrezept in Vergangenheit und Gegenwart Talk given at a conference Der Realismus in richtungsweisenden Texten der Gruppe 47: Ästhetische und ideologische Kontinuitäten 12.11.2014 Usedom, Germany Weber Nicole;


Self-organised

Title Date Place
Zur Renaissance kontextualisierender literaturwissenschaftlicher Methoden 11.09.2015 Bern, Switzerland

Communication with the public

Communication Title Media Place Year
Media relations: print media, online media Notwendige Neubewertung Junge Zeitung International 2017

Abstract

Die in den vergangenen Jahren aufgedeckten biografischen Widersprüche von zahlreichen prominenten Autoren der Gruppe 47 werfen die Frage auf, ob die zyklisch wiederkehrende Empörung darüber, dass hier einzelne vom antifaschistischen Gruppenkonsens eines unbelasteten Neubeginns durch ihre uneingestandene Biografie im Nationalsozialismus abgewichen sind, noch von den richtigen Grundannahmen ausgeht. Vielmehr stellt sich nach einer Reihe von Enthüllungen der Mitgliedschaft in nationalsozialistischen Organisationen, der Mitwirkung im nationalsozialistischen Propagandaapparat und des problematischen Umgangs etwa mit jüdischen Familienangehörigen während des Holocaust, aber auch ideologischen Kontinuitäten wie dem Rassenantisemitismus die Frage, ob wir es hier überhaupt noch mit Abweichungen, oder nicht eher mit einer gewissen Regelhaftigkeit zu tun haben. Wenn diese Annahme zuträfe, dann stünde das Konstrukt einer unbescholtenen ‚Flakhelfergeneration‘, die alsbald antrat, sich als ‚Junge Generation‘ im Literaturbetrieb der Bundesrepublik zu etablieren, auf überaus tönernen Füßen. Biografiegeschichtlich sind die ganz unterschiedlichen Involvierungen in das totalitäre System des ‚Dritten Reiches‘ kaum überraschend und angesichts des zumindest zum Teil tatsächlich jugendlichen Alters mancher Autoren der Gruppe 47 aus heutiger Sicht auch nicht per se skandalös. Zum Skandal wurden die nachgetragenen Geständnisse und Enthüllungen vor allem auch deshalb, weil die Gruppenmitglieder selbst jahrzehntelang einen moralischen Rigorismus gepflegt hatten, der jetzt auf sie zurückzufallen schien.Das Erkenntnisinteresse des beantragten Projekts setzt jedoch nicht bei der ‚Überführung‘ immer neuer Autoren der Gruppe 47 an, sondern fragt nach den Implikationen der biografischen Neuerfindung für die literarischen Texte, die diese Autoren verfasst haben. Vor dem Hintergrund, dass nahezu alle Schriftsteller, denen eine wie auch immer geartete Nähe zum Nationalsozialismus vorgeworfen wurde, hierzu die meiste Zeit ihres Lebens nicht nur geschwiegen, sondern in nicht-literarischen wie in literarischen Zeugnissen alternative Versionen ihrer Biografie lanciert haben, ergeben sich verschiedene Fragen nach der Möglichkeit, die Prägung durch ein totalitäres System abzuschütteln und tatsächlich, wie es die 47er für sich in Anspruch nahmen, neu zu beginnen. Das Projekt fragt nach diesen vor 1945 erworbenen Prägungen, Wert- und Moralvorstellungen und will erforschen, inwiefern es zentralen Vertretern der Gruppe 47 gelungen ist, ihre Vorprägungen zu überwinden, oder ob sich bestimmte Ideologeme soldatischer Männlichkeit, moralischer Unerbittlichkeit, der partikularen Moral, des Antisemitismus und der Empathieverweigerung, um nur einige zu nennen, unterschwellig noch in jenen Texten fortgeschrieben haben, die vordergründig mit dem Nationalsozialismus gebrochen hatten und sich sogar dem Zivilisationsbruch Auschwitz (Dan Diner) zuwandten.In zwei Teilprojekten soll aus zwei unterschiedlichen Perspektiven nach den literarischen Implikationen zum einen dieser biografie- und generationengeschichtlichen Brüche und zum anderen mentalitärer und ideologischer Kontinuitäten gefragt werden. Welche Spuren vom Aufwand an Verdrängung oder Neuerfindung der eigenen Biografie lassen sich an den literarischen Texten ablesen, mit deren Hilfe der biografische Bruch überspielt wurde? Diente die inszenierte Zäsur zwischen den Generationen (Konstrukte wie die ‚Junge Generation‘) der Kaschierung biografischer Brüche? Und welche Moral- und Wertvorstellungen spiegeln jene Texte zentraler Autoren der Gruppe 47, die sich mit der nationalsozialistischen oder der eigenen Vergangenheit beschäftigen? Wird das Wertegefüge in ihnen subkutan überführt oder wirklich neu justiert? Welche Modifikationen des eigenen Weltbildes und der eigenen Biografie werden darin modelliert, und wie transparent oder intransparent findet dieser Prozess in den Texten statt?
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