Projekt

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Kontrafaktisches Denken in der Biologie

Titel Englisch Counterfactual Reasoning in Biology
Gesuchsteller/in Weber Marcel
Nummer 140885
Förderungsinstrument Projektförderung (Abt. I-III)
Forschungseinrichtung Département de Philosophie Faculté des Lettres Université de Genève
Hochschule Universität Genf - GE
Hauptdisziplin Philosophie
Beginn/Ende 01.04.2012 - 30.06.2015
Bewilligter Betrag 340'011.00
Alle Daten anzeigen

Keywords (5)

Kontrafaktische Konditionale; Modalität; Philosophie der Biologie; Wissenschaftstheorie; Gedankenexperimente

Lay Summary (Deutsch)

Lead
Lay summary

Kontrafaktisches Denken ist Denken darüber, was zwar nicht der Fall ist, aber was der Fall sein könnte. Diese Art von Denken spielt eine wichtige Rolle sowohl in unserem Alltag und in der Politik als auch in den Wissenschaften. So überlegen wir vielleicht manchmal, was wäre, wenn die Schweiz der EU beigetreten wäre, oder wenn die EU keine Gemeimschaftswährung besitzen würde. In den Wissenschaften werden sogar sehr oft kontrafaktische Überlegungen angestellt, z.B. wenn Klimaforscher oder Ökonomen verschiedene mögliche Szenarien modellieren. Aber nicht nur die angewandte, auch die Grundlagenforschung beschäftigt sich mit kontrafaktischen Überlegungen. Einstein überlegte sich, wie es wäre, neben einem Lichtstrahl herzulaufen. Ausserdem stellen Physiker oder auch Biologen häufig Modelle auf, die idealisierende Annahmen enthalten, die aber niemals realisert werden, vielleicht sogar prinzipiell nicht realisierbar sind. Selbst eine ganz harmlos erscheinende biologische Aussage wie "Die Fledermaus besitzt ein Sonar, um sich im Dunkeln zu orientieren" kann interpretiert werden als: "Wenn die Fledermaus kein Sonar besässe, so könnte sie sich im Dunkeln schlechter orientieren und hätte also Folge davon schlechtere Überlebenschancen", also ebenfalls als kontrafaktische Aussage.

So wichtig das kontrafaktische Denken in allen Lebensbereichen und in vielen Wissenschaften ist, so problematisch ist es auch. Unter welchen Bedingungen sind kontrafaktische Aussagen eigentlich wahr? Können sie überhaupt wahr oder falsch sein? Wie überprüft man solche Aussagen? Wird mit dieser Art von Denken nicht der unkontrollierten Spekulation Tür und Tor geöffnet?

Philosophie und Wissenschaftstheorie, aber auch andere Disziplinen wie Psychologie und Linguistik, haben dem kontrfaktischen Denken seit einiger Zeit grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Gerade im Zusammenhang mit der Biologie ist es aber bis heute noch schlecht verstanden. Diesem Umstand möchte das vorliegende Projekt Abhilfe schaffen. Gleichzeitig stellt es das kontrafaktische Denken in der Biologie in einen grösseren Zusammenhang, nämlich der Logik, Semantik und Erkenntnistheorie des kontrafaktischen Denkens im Allgemeinen sowie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Physik, Geschichte oder der Philosophie selbst. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Gedankenexperiment, das als Methode zur Begründung von kontrafaktischen Ausagen gilt. Das Projekt arbeitet zu diesem Zweck eng mit der interdisziplinären DFG-Forschergruppe "Was Wäre Wenn? Zur Bedeutung, Epistemologie und wissenschaftlichen Relevanz von kontrafaktischen Aussagen und Gedankenexperimenten" an der Universität Konstanz und der Humboldt-Universität Berlin (geplant 2012-2015, evtl. bis 2018) zusammen.

Das Projekt untersucht die Rolle kontrafaktischen Denkens an konkreten historischen und aktuellen Fallbeispielen aus der Biologie. Dabei werden sowohl semantische als auch ontologische und methodologische Fragen behandelt. Die semantischen Fragen betreffen die genaue Bedeutung modaler Begriffe und Aussagen in der Biologie, zum Beispiel Funktion, Constraint und theoretische Aussagen, die diese Begriffe verwenden. Es soll mittels einer geeigneten Semantik untersucht werden, wie kontrafaktische Konditionale ein­gesetzt werden können, um solche Aussagen philosophisch zu explizieren. Im ontologischen Bereich untersucht dieses Teilprojekt die möglichen Geltungsgründe für modale Aussagen und deren Verhältnis zu den physikalischen Tatsachen. Bei den methodologischen Fragen steht die Recht­fertigung biologischer Theorien und Modelle mit modalem Gehalt im Vordergrund. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Frage, wie weit Gedankenexperimente und Modelle Instrumente zur Gewinnung modaler Erkenntnis in der Biologie sind.

Ziel des Projekts ist es, philosophisch fundierte Antworten auf folgende Fragen zu geben:

  • Was bedeuten modale Begriffe und Aussagen in der Biologie genau? Ein besonderes Augenmerk gilt den Begriffen Funktion und Constraint.
  • Welche ontologischen Korrelate haben solche Begriffe und Aussagen, d.h. welches sind ihre Gegenstände bzw. Wahrmacher?
  • Wie verhalten sich modale Tatsachen in der Biologie zu physikalischen Tatsachen?
  • Welche Rolle spielen modale und kontrafaktische Aussagen in biologischen Theorien und Modellen?
  • Wie können die Biowissenschaften modale und kontrafaktische Zusammenhänge erkennen?
  • Welche Rolle spielen Gedankenexperimente dabei?
  • Welches ist das Verhältnis von Gedankenexperimenten und Modellen?
  • Welchen Status hat Wissen, das durch biologische Gedankenexperimente und Modelle erzeugt wurde?
  • Welche Art von Wissen geht in biologische Gedankenexperimente und Modelle ein?

Diese Fragen sollen durch eine intensive Beschäftigung sowohl mit aktuellen und historischen biologischen Fallbeispielen als auch mit der philosophischen Literatur über Modalität und Gedankenexperimente behandelt werden.

Direktlink auf Lay Summary Letzte Aktualisierung: 21.02.2013

Verantw. Gesuchsteller/in und weitere Gesuchstellende

Mitarbeitende

Publikationen

Publikation
Ontological Issues in the Life Sciences
DiFrisco James, Pontarotti Gaëlle, Boem Federico, Schlaepfer Guillaume, Sokolowska Ewelina, Fernandez-Labandera Eva (2015), Ontological Issues in the Life Sciences, in Biological Theory, 10, 176-181.
Experimental modeling in biology: In vivo representation and stand-ins as modeling strategies
Weber Marcel (2013), Experimental modeling in biology: In vivo representation and stand-ins as modeling strategies, in Philosophy of Science, 81(5), 756-769.
Thought Experiments in Biology
Schlaepfer Guillaume, Weber Marcel, Thought Experiments in Biology, in Brown James Robert (ed.), Routledge, London.
Two arguments for the etiological theory over the modal theory of function
Leahy Brian, Huber Maximilian, Two arguments for the etiological theory over the modal theory of function, in Synthese.

Zusammenarbeit

Gruppe / Person Land
Formen der Zusammenarbeit
John Norton, University of Pittsburgh Vereinigte Staaten von Amerika (Nordamerika)
- Austausch von Mitarbeitern
DFG-Forschergruppe, Universität Konstanz Deutschland (Europa)
- vertiefter/weiterführender Austausch von Ansätzen, Methoden oder Resultaten
- Publikation

Wissenschaftliche Veranstaltungen

Aktiver Beitrag

Titel Art des Beitrags Titel des Artikels oder Beitrages Datum Ort Beteiligte Personen
International Society for the History, Philosophy and Social Studies of Biology Vortrag im Rahmen einer Tagung An improved relational semantics of biological modalities 05.07.2015 Montral, Kanada Huber Maximilian;
Third European Advanced Seminar in the Philosophy of the Life Sciences Vortrag im Rahmen einer Tagung Comments on Marco Nathan's “On the role of counterfactual reasoning in the biological sciences” 05.09.2014 Klosterneuburg, Österreich Huber Maximilian;
Third European Advanced Seminar in the Philosophy of the Life Sciences Vortrag im Rahmen einer Tagung Comment on Maria Kronfeldner “How Behavioural Scientists Deal with Explanatory Complexity” 05.09.2014 Klosterneuburg, Österreich Schlaepfer Guillaume;
Conference on Hypothetical Reasoning Vortrag im Rahmen einer Tagung A Two-Layers Based Hypothetical Reasoning 23.08.2014 Tübingen, Deutschland Schlaepfer Guillaume;
Workshop Gedankenexperimente zwischen Wissenschaft und Literatur Vortrag im Rahmen einer Tagung Darwin’s Thought Experiments of Natural selection 24.01.2014 Bochum, Deutschland Schlaepfer Guillaume;
Workshop on Thought-Experiments between Science and Literature Vortrag im Rahmen einer Tagung Commentary on Daniel Dohrn's “The role of fictional scenarios in philosophical thought-experiments” and Helmut Pulte "Thought Experiments and Anological Reasoning" 24.01.2014 Ruhr-Universität Bochum, Deutschland Huber Maximilian; Weber Marcel;
International Conference CFCUL Vortrag im Rahmen einer Tagung Are There A Priori Causal Models in Evolutionary Theory? 04.12.2013 Lisbon, Portugal Schlaepfer Guillaume;
International Conference CFCUL Vortrag im Rahmen einer Tagung Are there apriori causal models in evolutionary theory? 04.12.2013 Lisbon, Portugal Schlaepfer Guillaume;
WTWG Kolloquium, Universität Bern Einzelvortrag Making theories of biological function applicable to biological practice 01.11.2013 Bern, Schweiz Huber Maximilian;
Congress on Logic and Philosophy of Science Vortrag im Rahmen einer Tagung Restating theories of biological function as algorithms 16.09.2013 University of Ghent, Belgien Huber Maximilian;
Congress on Logic and Philosophy of Science Vortrag im Rahmen einer Tagung Restating theories of biological function as algorithms 16.09.2013 Ghent, Belgien Huber Maximilian;
Fourth Conference of the European Philosophy of Science Association Vortrag im Rahmen einer Tagung Why a better modal theory of biological function is needed 26.08.2013 Helsinki, Finnland Huber Maximilian;
International Society for History, Philosophy and Social Studies of Biology Vortrag im Rahmen einer Tagung The modal theory of function: lessons from molecular biology 07.07.2013 Montpellier, Frankreich Huber Maximilian;
International Society for History, Philosophy and Social Studies of Biology Vortrag im Rahmen einer Tagung Are there apriori causal models in evolution biology? 07.07.2013 Montpellier, Frankreich Schlaepfer Guillaume;
International Society for the History, Philosophy and Social Studies of Biology Vortrag im Rahmen einer Tagung Causal Selection versus Causal Parity: Relevant Counterfactuals and Biologically Normal Interventions 07.07.2013 Montpellier, Frankreich Weber Marcel;
Workshop “The Question ‘What if?’ in the Sciences and Humanities Vortrag im Rahmen einer Tagung Biological function and counterfactuals 04.07.2013 Université de Genève, Schweiz Huber Maximilian;
Workshop “Embodiment, Realization and Function” Vortrag im Rahmen einer Tagung Comments on Karen Neander's “How much functionalism remains in teleo-functionalism?” 01.07.2013 Lausanne, Schweiz Huber Maximilian;
Workshop “Embodiment, Realization and Function Vortrag im Rahmen einer Tagung Comments on Karen Neander's “How much functionalism remains in teleo-functionalism? 01.07.2013 Université de Lausanne, Schweiz Huber Maximilian;
CUSO Workshop "Bridging Theoretical and Experimental Evolution" Poster How Modeling Impacts Science 12.06.2013 La Fouly, Schweiz Schlaepfer Guillaume;
CUSO workshop Bridging Theoretical and Experimental Evolution Poster How modeling impacts science? 12.06.2013 La Fouly VS, Schweiz Schlaepfer Guillaume;
Kontrafaktische Gedankenexperimente zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, ca. 1880-1930 Vortrag im Rahmen einer Tagung Commentary on Paul Ziche and Thomas Müller, "Fictions and Foundations: Hans Vaihinger, Moritz Pasch and the Fictional Foundations of Rigorous Science" 19.04.2013 Konstanz, Deutschland Weber Marcel;
From False Models to Truth? Vortrag im Rahmen einer Tagung Commentary on Raphael Scholl and Tim Räz, “Does the consensus view of idealization have legs?” 14.04.2013 Bern, Schweiz Schlaepfer Guillaume;
Second Lucerne Philosophy Graduate Conference Vortrag im Rahmen einer Tagung What's wrong with the modal theory of function 15.02.2013 Luzern, Schweiz Huber Maximilian;
PSA 2012 (Biennial Meeting of the Philosophy of Science Association) Vortrag im Rahmen einer Tagung Experimental Modeling: Exemplification and Representation as Theorizing Strategies 15.11.2012 San Diego, Vereinigte Staaten von Amerika Weber Marcel;
PSA 2012 (Biennial Meeting of the Philosophy of Science Association) Vortrag im Rahmen einer Tagung Experimental Modeling: Exemplification and Representation as Theorizing Strategies 15.11.2012 San Diego, Vereinigte Staaten von Amerika Weber Marcel;
ESF-Workshop "Metaphysics of Science: Objects, Relations and Structures" Vortrag im Rahmen einer Tagung Commentary on Isabelle Drouet and Francesca Merlin, "The Propensity Interpretation of Fitness" 12.10.2012 Lausanne, Schweiz Weber Marcel;
Second European Advanced Seminar on the Philosophy of the Life Sciences Vortrag im Rahmen einer Tagung Commentary on Adam Toon, “Molecular Models in Vivo and in Historico” / Commentary on Silvia de Monte's “Differential attachment and the evolution of social groups” 10.09.2012 Hermance GE, Schweiz Huber Maximilian; Schlaepfer Guillaume;
Second European Advanced Seminar in Philosophy of the Life Sciences Vortrag im Rahmen einer Tagung Experimental Modeling in Biology 01.09.2012 Hermance, Schweiz Weber Marcel;


Selber organisiert

Titel Datum Ort
WorkshopThe Question ‘What if?’ in the Sciences and Humanities” 04.07.2013 Université de Genève, Schweiz

Verbundene Projekte

Nummer Titel Start Förderungsinstrument
160024 Simulation and Counterfactual Reasoning in Neuroscience 01.09.2015 Projektförderung (Abt. I-III)
158599 A modal logic for biological modalities and its applications 01.08.2015 Doc.Mobility
161680 Scientific Thought Experiments and Modeling in Evolutionary Biology 01.07.2015 Doc.Mobility

Abstract

Das Projekt untersucht die Rolle kontrafaktischen Denkens an konkreten historischen und aktuellen Fallbeispielen aus der Biologie. Dabei werden sowohl semantische als auch ontologische und methodologische Fragen behandelt. Die semantischen Fragen betreffen die genaue Bedeutung modaler Begriffe und Aussagen in der Biologie, zum Beispiel Funktion, Constraint und theoretische Aussagen, die diese Begriffe verwenden. Es soll mittels einer geeigneten Semantik untersucht werden, wie kontrafaktische Konditionale eingesetzt werden können, um solche Aussagen philosophisch zu explizieren. Im ontologischen Bereich untersucht dieses Teilprojekt die möglichen Geltungsgründe für modale Aussagen und deren Verhältnis zu den physikalischen Tatsachen. Bei den methodologischen Fragen steht die Rechtfertigung biologischer Theorien und Modelle mit modalem Gehalt im Vordergrund. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Frage, wie weit Gedankenexperimente und Modelle Instrumente zur Gewinnung modaler Erkenntnis in der Biologie sind. Ziel des Projekts ist es, philosophisch fundierte Antworten auf folgende Fragen zu geben:• Was bedeuten modale Begriffe und Aussagen in der Biologie genau? Ein besonderes Augenmerk gilt den Begriffen Funktion und Constraint.• Welche ontologischen Korrelate haben solche Begriffe und Aussagen, d.h. welches sind ihre Gegenstände bzw. Wahrmacher?• Wie verhalten sich modale Tatsachen in der Biologie zu physikalischen Tatsachen?• Welche Rolle spielen modale und kontrafaktische Aussagen in biologischen Theorien und Modellen?• Wie können die Biowissenschaften modale und kontrafaktische Zusammenhänge erkennen? • Welche Rolle spielen Gedankenexperimente dabei?• Welches ist das Verhältnis von Gedankenexperimenten und Modellen?• Welchen Status hat Wissen, das durch biologische Gedankenexperimente und Modelle erzeugt wurde?• Welche Art von Wissen geht in biologische Gedankenexperimente und Modelle ein?Diese Fragen sollen durch eine intensive Beschäftigung sowohl mit aktuellen und historischen biologischen Fallbeispielen als auch mit der philosophischen Literatur über Modalität und Gedankenexperimente behandelt werden.Das Projekt soll ausserdem eng mit der interdisziplinären DFG-Forschergruppe "Was Wäre Wenn? Zur Bedeutung, Epistemologie und wissenschaftlichen Relevanz von kontrafaktischen Aussagen und Gedankenexperimenten" an der Universität Konstanz und der Humboldt-Universität Berlin (2012-2015) zusammenarbeiten.
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