Projekt

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Das "Volk" in Literatur und Literaturtheorie zwischen 1840 und 1860

Gesuchsteller/in Reiling Jesko
Nummer 134182
Förderungsinstrument Stipendien für fortgeschrittene Forschende
Forschungseinrichtung Institut für Germanistik Universität Bern
Hochschule Institution ausserhalb der Schweiz - IACH
Hauptdisziplin Schwerpunkt Germanistik und Anglistik
Beginn/Ende 01.03.2011 - 31.08.2013
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Alle Disziplinen (2)

Disziplin
Schwerpunkt Germanistik und Anglistik
Erziehungs- und Bildungswissenschaften

Lay Summary (Deutsch)

Lead
Lay summary

Den zeitlichen Rahmen dieser Arbeit bildet die Periode der deutschen Literaturgeschichte, in der der literarische Realismus entstand. Einer der zentralen poetologischen Diskurse dieser Zeit – wenn nicht vielleicht sogar der wichtigste – drehte sich um die Volksliteratur, mit der sich diese Studie beschäftigt.

Die im 19. Jahrhundert intensivierten Bemühungen zur Erwachsenenbildung (durch Leihbibliotheken oder in Lesevereinen) veränderten auch das literarische Feld: Die in der Tradition der Volksaufklärung stehenden Volksschriftenvereine bemühten sich erstmals als Institutionen die fürs Volk geeignete Lektüren nicht nur selber zu produzieren, sondern auch effizient an die Leserschaft zu verteilen. Ab etwa 1850 führte die Massenpublizistik (Familienzeitschriften wie etwa die Gartenlaube) das ästhetisch-didaktische Programm der Vereine kommerziell erfolgreicher weiter. Dadurch wurde die Trennung von ‚hoher‘, ästhetisch anspruchsvoller Dichtung und niederer Trivialliteratur, die sich an ein wenig gebildetes Massenpublikum richtete, besiegelt. In diese Umbruchszeit fallen die Diskussionen über die Volksschriftsteller und ihre Volkspoesie, die wichtige poetologische Innovationen lieferten (etwa Darstellung des ‚Volkes‘ in der Literatur), dann aber als (vermeintliche) Ausprägungen eines trivialen Literaturverständnisses rasch beiseite geschoben wurden und damit auch in der späteren Literaturgeschichtsschreibung vergessen gingen.

Die Analyse von pädagogischen Zeitschriften, Literaturgeschichten des 19. Jahrhunderts sowie der Korrespondenz der bedeutendsten deutschsprachigen Volksschriftsteller, Jeremias Gotthelf, Berthold Auerbach, Josef Rank und Otto Ruppius, soll möglichst empirienah die poetologischen Debatten und Kommunikationsnetzwerke und Allianzen der Autoren erhellen. Darüber hinaus erörtern Lektüren der literarischen Werke die erzählerische Umsetzungen der theoretischen Reflexion.

Als neue ‚Autorenklasse‘ etablierten sich im 19. Jahrhundert auch die schreibenden Frauen, die jedoch wie die Volksschriftsteller als lediglich epigonale Autorinnen diskreditiert wurden. Exemplarisch sollen Eugenie Marlitt und Louise Otto-Peters deshalb ebenfalls in ihrem ‚Kampf‘ um Anerkennung betrachtet werden. Sie schrieben für ein bis dahin marginalisiertes Publikum: die Frauen. Strukturell gesehen verfolgten sie in ihren Werken eine ähnliche Absicht wie die Volksschriftsteller, indem sie ihre Leserschaft auch aufklären und bilden wollten. Ihre Werke sollen deshalb ebenfalls analysiert werden: Die literarische Interpretation konzentriert sich bei allen Autoren auf die Darstellung des Volkes und auf die Analyse der anthropologischen und sozialen Modelle sowie auf den Einsatz der erzählerischen Mittel, die die intendierte Wirkung, die Bildung der Leserschaft, hervorrufen sollten. Die Studie versteht sich damit als Beitrag zur Poetik- und Kommunikationsgeschichte des 19. Jahrhunderts. 

Direktlink auf Lay Summary Letzte Aktualisierung: 21.02.2013

Verantw. Gesuchsteller/in und weitere Gesuchstellende

Publikationen

Publikation
Die „poetischeren Momente[] der Erscheinungswelt“. Berthold Auerbachs Romantikrezeption
Reiling Jesko (2013), Die „poetischeren Momente[] der Erscheinungswelt“. Berthold Auerbachs Romantikrezeption, in Göttsche, Saul (ed.), Realism and Romanticism in German Literature, Aisthesis, Bielefeld, 75-94.
Mit Uhland im Parlament. Josef Ranks apolitischer Blick auf die Frankfurter Nationalversammlung
Reiling Jesko (2013), Mit Uhland im Parlament. Josef Ranks apolitischer Blick auf die Frankfurter Nationalversammlung, in Seidel, Zegowitz (ed.), Literatur im Umfeld der Frankfurter Paulskirche 1848/49, Aisthesis, Bielefeld, 321-344.
Der Auftritt des Helden. Zu einem konstitutiven Aspekt des Heroismus seit dem 19. Jahr-hundert
Reiling Jesko (2013), Der Auftritt des Helden. Zu einem konstitutiven Aspekt des Heroismus seit dem 19. Jahr-hundert, in Immer, van Marwyck (ed.), Ästhetischer Heroismus. Konzeptionelle und figurative Paradigmen des Helden, Transkript, Bielefeld, 173-197.
Heinrich Zschokke. Deutscher Aufklärer – Schweizer Revolutionär – Publizist – Volkspädagoge – Schriftsteller – Politiker (Rezension)
Reiling Jesko (2012), Heinrich Zschokke. Deutscher Aufklärer – Schweizer Revolutionär – Publizist – Volkspädagoge – Schriftsteller – Politiker (Rezension).
Berthold Auerbach (1812-1882). Werk und Wirkung
Reiling (ed.) (2012), Berthold Auerbach (1812-1882). Werk und Wirkung, Winter, Heidelberg.
Eine Literatur für alle. Auerbach und die Volkspoesie
Reiling Jesko (2012), Eine Literatur für alle. Auerbach und die Volkspoesie, in Reiling (ed.), Berthold Auerbach (1812-1882). Werk und Wirkung, 97-120.
Vorbemerkung: Eine „wichtige und unversiegliche Quelle der Belehrung“. Berthold Auerbachs Werk und Wirkung
Reiling Jesko (2012), Vorbemerkung: Eine „wichtige und unversiegliche Quelle der Belehrung“. Berthold Auerbachs Werk und Wirkung, in Reiling (ed.), Berthold Auerbach (1812-1882). Werk und Wirkung, 7-12.
„Wir wissen, was wir aneinander haben!“ Zur Poetik und Freundschaft von Ferdinand Freiligrath und Berthold Auerbach.
Reiling Jesko (2012), „Wir wissen, was wir aneinander haben!“ Zur Poetik und Freundschaft von Ferdinand Freiligrath und Berthold Auerbach., in Matthias Vogt (ed.), Karrieren eines Lyrikers. Ferdinand Freiligrath zum 200. Geburtstag, Aisthesis, Bielefeld, 85-107.
Das 19. Jahrhundert und seine Helden. Literarische Figurationen des (Post-)Heroischen
Jesko Reiling , Carsten Rohde (ed.) (2011), Das 19. Jahrhundert und seine Helden. Literarische Figurationen des (Post-)Heroischen.
„[D]a steh’ ich wie ein Pflänzchen“. Zum Heroismus in Berthold Auerbachs Andree Hofer.
Reiling Jesko (2011), „[D]a steh’ ich wie ein Pflänzchen“. Zum Heroismus in Berthold Auerbachs Andree Hofer., in Reiling, Rohde (ed.), Das 19. Jahrhundert und seine Helden. Literarische Figurationen des (Post-)Heroischen, 63-97.
Bestseller dank Märchenzitaten!? Berthold Auerbachs und Eugenie Marlitts Bucherfolge und ihre volkspoetischen Prätexte
Reiling Jesko (accepted), Bestseller dank Märchenzitaten!? Berthold Auerbachs und Eugenie Marlitts Bucherfolge und ihre volkspoetischen Prätexte, in ILCEA, Revue de l’Institut des Langues et des Cultures d’Europe et d’Amérique , 19.
Natur- und Kunstpoesie. Zum Fortleben zweier poetologischer Kategorien in der Literaturgeschichtsschreibung nach den Grimms
Reiling Jesko (accepted), Natur- und Kunstpoesie. Zum Fortleben zweier poetologischer Kategorien in der Literaturgeschichtsschreibung nach den Grimms, in Brinker-von der Heyde, Ehrhardt, Ewers, Inder (ed.), Märchen, Mythen und Moderne: 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Peter Lang, Bern, Weimar.
„Was Erheiterungen gewähret…“. Zu Heinrich Zschokkes Erzählung Der zerbrochene Krug (1813)
Reiling Jesko (accepted), „Was Erheiterungen gewähret…“. Zu Heinrich Zschokkes Erzählung Der zerbrochene Krug (1813), in Lütteken Zelle (ed.), „Ich will [...] ein Bauer werden”. Kleist in der Schweiz – Kleist und die Schweiz., Wallstein, Göttingen.
„Wird sie, das Aschenbrödel von der Kaiseralm, jemals einen Brautkranz tragen?“ Das Aschenputtel-Märchen in Liebesromanen seit dem 19. Jahrhundert
Reiling Jesko (accepted), „Wird sie, das Aschenbrödel von der Kaiseralm, jemals einen Brautkranz tragen?“ Das Aschenputtel-Märchen in Liebesromanen seit dem 19. Jahrhundert, in Parra Membrives, Classen (ed.), Literatur am Rand. Perspektiven der Trivialliteratur vom Mittelalter bis zum 21. Jahrhundert, Narr, Tübingen, 221-233.

Wissenschaftliche Veranstaltungen

Aktiver Beitrag

Titel Art des Beitrags Titel des Artikels oder Beitrages Datum Ort Beteiligte Personen
Das Märchen: von einer Kunst zur anderen. Adaptationen und Fortleben von Volksmärchen in Mittel- und Osteuropa im 19. und 20. Jahrhundert 15.11.2012 Grenoble, Frankreich
1. Internationale Tagung zur Trivial- und Unterhaltungsliteratur 26.06.2012 Sevilla, Spanien
Realism and Romanticism in German Literature. International Conference 01.12.2011 London, England
„Ich will [...] ein Bauer werden”. Kleist in der Schweiz – Kleist und die Schweiz. Wissenschaftliche Tagung aus Anlaß des 200. Todestages Heinrich von Kleists 01.06.2011 Thun, Schweiz


Veranstaltungen zum Wissenstransfer



Selber organisiert

Titel Datum Ort
Ausstellung: Erfolgsmodell Aschenputtel. Literarische Darstellungen des Aschenputtels seit dem 19. Jahrhundert 10.04.2011 Kabinett für sentimentale Trivialliteratur Solothurn

Kommunikation mit der Öffentlichkeit

Kommunikation Titel Medien Ort Jahr
Referate/ Veranstaltungen/ Ausstellungen Vortrag Buchvernissage Berthold Auerbach 81812-1882). Werk und Wirkung International 2012
Referate/ Veranstaltungen/ Ausstellungen Eröffnungsreferat Erfolgsmodell Aschenputtel Deutschschweiz 2011
Print (Buch, Brochuren, Infoblätter) Erfolgsmodell Aschenputtel. Literarische Darstellungen des Aschenputtels seit dem 19. Jahrhundert Deutschschweiz 2011

Abstract

Diese Studie untersucht die im deutschsprachigen Raum zwischen 1840 und 1860 geführten Debatten über den „Volksschriftsteller“ und die Poetik der „Volkspoesie“. Damit nimmt sie eine wichtige Phase für die Ausbildung des realistischen Erzählens in den Blick, die bislang nur in Ansätzen erforscht wurde. Es sollen die zentralen poetologischen Kategorien bestimmt und deren erzählerische Umsetzungen in literarischen Werken der bedeutendsten Volksschriftsteller (Jeremias Gotthelf, Berthold Auerbach, Josef Rank und Otto Ruppius sowie Eugenie Marlitt und Louise Otto-Peters) analysiert werden. Die im 19. Jahrhundert intensivierten Bemühungen zur Erwachsenenbildung (durch Leihbibliotheken oder in Lesevereinen) veränderten auch das literarische Feld: Die in der Tradition der Volksaufklärung stehenden Volksschriftenvereine bemühten sich erstmals als Institutionen die fürs Volk geeignete Lektüren nicht nur selber zu produzieren, sondern vor allem auch effizient an die Leserschaft zu verteilen. Ab etwa 1850 führte die Massenpublizistik (Familienzeitschriften wie etwa die Gartenlaube) das ästhetisch-didaktische Programm der Vereine kommerziell erfolgreicher weiter. Dadurch wurde die Trennung von ‚hoher’, d.h. ästhetisch anspruchsvoller Dichtung und niederer Trivialliteratur, die sich an ein wenig gebildetes Massenpublikum richtete, besiegelt. In diese ‚Umbruchszeit’ fallen die Diskussionen über die Volksschriftsteller und ihre Volkspoesie, die wichtige poetologische Innovationen lieferten (etwa Darstellung des ‚Volkes’ in der Literatur), dann aber als (vermeintliche) Ausprägungen eines trivialen Literaturverständnisses rasch beiseite geschoben wurden und damit auch in der späteren Literaturgeschichtsschreibung vergessen gingen. Durch eine empirische Analyse der (über-)regionalen pädagogischen Zeitschriften sollen diese poetologischen Debatten historisch aufgerollt und systematisch nach den wichtigsten Aspekten klassifiziert werden. Diese Zeitschriften sind als Kommunikationsmultiplikatoren bislang nicht erforscht worden, obwohl sie einen wichtigen Rezeptionsstrang der Volksliteratur darstellen. Sie richteten sich an Lehrer und andere Pädagogen und suchten damit diejenigen Personen anzusprechen, die auf Leseverhalten und Lektüreauswahl des Volkes direkt Einfluss nehmen konnten oder für den Bestandsaufbau der dörflichen Bibliotheken verantwortlich waren. Die bedeutendsten Volksschriftsteller (vgl. oben) beteiligten sich selbst auch aktiv an der theoretischen Debatte über die Volksliteratur. Ihre Stellungnahmen sollen in der zeitgenössischen Diskussion verortet und zudem auch ihre Korrespondenz erforscht werden, um so Einblicke in die Kommunikationsnetzwerke und Allianzen zu gewinnen, die die jeweilige Stellung im literarischen Markt festigen sollten. Als neue ‚Autorenklasse’ etablierten sich im 19. Jahrhundert auch die schreibenden Frauen, die jedoch wie die Volksschriftsteller als lediglich epigonale Autorinnen diskreditiert wurden. Exemplarisch sollen Eugenie Marlitt und Louise Otto-Peters deshalb ebenfalls in ihrem ‚Kampf’ um Anerkennung betrachtet werden. Sie schrieben für ein bis dahin marginalisiertes Publikum: die Frauen. Strukturell gesehen verfolgten sie in ihren Werken eine ähnliche Absicht wie die Volksschriftsteller, indem sie ihre Leserschaft auch aufklären und bilden wollten. Ihre Werke sollen deshalb in dieser Studie wie diejenigen der Volksschriftsteller ebenfalls analysiert werden. Die literarische Interpretation konzentriert sich bei allen Autoren auf die Darstellung des Volkes und auf die Analyse der anthropologischen und sozialen Modelle sowie auf den Einsatz der erzählerischen Mittel, die die intendierte Wirkung, die Bildung der Leserschaft, hervorrufen sollten. Die Studie versteht sich damit als Beitrag zur Poetikgeschichte und zur Kommunikationsgeschichte des 19. Jahrhunderts.