Project

Back to overview

Politische Gewalt als Merkmal von politischer Religion. Ideologie, Milieu und Praxis revolutionärer Gruppierungen in Russland vor 1917

Applicant Cattaruzza Marina
Number 120149
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Abt. Neueste Geschichte u. Zeitgeschichte Historisches Institut Universität Bern
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.04.2008 - 31.03.2011
Approved amount 174'182.00
Show all

Keywords (8)

Communism; Gender; Revolutionary Movements; Political Radicalism; Violence; Terrorism; Political Religion; Russia

Lay Summary (German)

Lead
Lay summary
Leben für die Sache: Die revolutionären Biographien von Vera Zasuli? und Vera Figner Fallstudie zu zwei russischen Frauen, die aus der traditionellen Genderrolle ausbrachen und im radikalen Milieu eine neue Heimat fanden.Im Zentrum dieses Projektes stehen die Biographien von Vera Figner und Vera Zasuli?, die beide zur ersten Generation von Frauen in Russland gehörten, die radikal mit den damaligen Vorstellungen einer angemessenen weiblichen Rolle brachen, um ein "neues Leben" zu beginnen. Sie und zahlreiche Gesinnungsgenossen und Gesinnungsgenossinnen kamen Ende der 1870er Jahre in einen sich immer mehr zuspitzenden Konflikt mit dem zaristischen Regime. Vera Figner und Vera Zasuli? waren entscheidend an der Wende beteiligt, die zur offenen Gewaltanwendung durch die Radikalen (Terror) und die Staatsmacht (Repression) führte. Vera Zasuli? stand 1878 mit ihrem Schuss auf Trepov am Anfang der ersten terroristischen Welle (1878-1882) in Russland, Vera Figner als letzte Führungsperson der Terrorgruppe Narodnaja Volja (Volkswille) an deren Ende.Mit dem biographischen Ansatz nimmt sich die Arbeit vor, nicht nur die Lebenswege der beiden Frauen nachzuzeichnen, sondern sie geht auch darauf ein, wie sie ihr "neues Leben" bewusst oder unbewusst inszenierten und konstruierten. Deshalb wird versucht, die beiden Frauen und ihre Biographien aus unterschiedlichen Richtungen zu beleuchten, um ein collageartiges Gesamtbild zu schaffen. Ansätze aus der Ideengeschichte ("neuer Mensch"), der Sozialgeschichte (soziales Milieu) und der politischen Geschichte (Politische Gewalt; Terrorismus; Politische Religion) fliessen in die Analyse ein.Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Forschungsarbeit belegen, dass es nicht so sehr eine bestimmte Ideologie war, welche die beiden Frauen bei ihrer Radikalisierung beeinflusste. Entscheidender waren einerseits der individuelle Wunsch, über das eigene Leben selbst bestimmen zu können, und andererseits das Vorhandensein eines Milieus, das diese Bestrebungen akzeptierte und förderte: das radikale Milieu in Russland. Diese radikalen Netzwerke, die sich ab 1860 in Russland herausbildeten, sollten bis 1917 und teils darüber hinaus Bestand haben. Sie bildeten den manchmal auch einengenden Rahmen, in dem traditionelle Geschlechterrollen überwunden und neue Formen des Zusammenlebens auf der Mikroebene realisiert werden konnten.***Das Konzept der politischen Religion hat sich bei der Analyse der Totalitarismen im 20 Jahrhundert als ausgesprochen fruchtbar erwiesen. Bisher wurde jedoch kaum der Versuch unternommen, nachzuprüfen, ob dieses Konzept auch bei der Erforschung von gewaltorientierten politischen Gruppen anwendbar ist. Als Forschungsgegenstand hierfür eignet sich die revolutionäre Bewegung in Russland vor 1917 besonders gut, da hier manche Wurzeln des späteren sowjetischen Gewaltregimes zu vermuten sind. Im Vordergrund steht die Analyse der linksradikalen Gruppierungen im vorrevolutionären Russland. Der Fokus richtet sich dabei auf die Weltanschauungen, das besondere Milieu, die Sozialisationserfahrungen im Alltag und das daraus resultierende politische Handeln.
Das Dissertationsprojekt „Die Attentäterin, die Märtyrerin und die Ministerin. Weibliche Wege in die Gewalt im vorrevolutionären Russland anhand von drei Beispielen: Vera Zasulic (1849-1919), Vera Figner (1852-1942) und Alexandra Kollontaj (1872-1952)“ beschäftigt sich in erster Linie mit der Frage nach der Legitimation von politischer Gewalt und der Rolle, die die Ideologie dabei gespielt hat. Dazu werden die Biografien von drei der führenden Revolutionärinnen - Kollontaj, Figner und Zasulic - miteinander verglichen. Die drei waren in verschiedenen Gruppen und Parteien (Narodnaja Volja; Sozialrevolutionäre; Men’šviki; Bol’ševiki) aktiv, so dass anhand ihrer Biografien Einblicke in die verschiedenen Zirkel und ihre inneren Strukturen möglich werden. Ausserdem hielten sich alle drei für längere Zeit in Westeuropa - vor allem in der Schweiz - auf und kamen dadurch in Kontakt mit anderen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Das Exil war für sie aber zugleich auch eine Zeit der festen Einbindung in eine Emigrantengruppe.
Das Dissertationsprojekt nähert sich der Fragestellung mithilfe von verschiedenen methodologischen Ansätzen an. Zunächst dient der biographische Ansatz dazu die Lebens- und Sozialisationsumstände dieser drei Frauen zu analysieren und zu vergleichen. In einem zweiten Schritt soll dann mithilfe von mentalitätsgeschichtlichen Ansätzen versucht werden, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, weshalb diese Frauen und viele andere sich mit einer bestimmten radikalen Ideologie identifizierten und bereit waren, im Namen dieser Ideologie politische Gewalt zu legitimieren und auszuüben. Es stehen drei Frauen in Zentrum dieses Teilprojekts, weil Frauen sich weder vorher noch nachher in der russischen Geschichte so stark politisch betätigt haben. Es sollen deshalb auch die historischen Faktoren herausgearbeitet werden, die zu dieser für Russland bisher einmaligen Phase der politischen Aktivität von Frauen geführt haben. Deshalb muss in einem dritten und letzten Schritt gezeigt werden, inwiefern ihr Selbstverständnis als Frau, sich auf die Ausübung politischer Gewalt ausgewirkt haben könnte.

The concept of political religion proved to be appropriate for the analysis of the totalitarian regimes in the 20th century. But up to the present only a few attempts have been made to investigate, if this concept could also be used for analysing violence-oriented oppositional groups. The revolutionary movement in Russia before 1917 is very promising as an object of research, because in this movement one could assume the roots of the later Soviet totalitarian system. The subprojects will deal with this problem from different perspectives. But the analysis of the left-wing-radical groups in Russia will be in the very focus of interest. This focus is directed towards the weltanschauung, the special milieu, the experience of socialisation and the resulting political action.
The concrete PhD-project “The Assassin, the Martyr, and the Minister. Female Ways into Political Violence in Pre-Revolutionary Russia on the Basis of Three Examples: Vera Zasulich (1849-1919), Vera Figner (1852-1942), and Alexandra Kollontai (1872-1952)” focuses primarily on the issue of justification of political violence, and the role ideology played in this process. The relation between ideology and violence will be investigated from a perspective that includes the lebenswelten. Therefore, the biographies of three leading female revolutionaries - Figner, Zasulich, and Kollontai - will be compared, focusing on their weltanschauung, their socialisation, and their social background, the milieu. Since they all acted in different groups and parties (Narodnaia Volia; Socialist-Revolutionary Party; Mensheviks; Bolsheviks), such an investigation will provide an insight into different political circles and their interior structures. Furthermore, all three women spent longer periods of their lives in Western Europe - especially in Switzerland - where they experienced different social and political circumstances. The exile was also a time of integration and deep involvement in emigrant groups.
The project utilizes several methodological approaches. At first, the biographic approach should enable us to analyze and compare the circumstances of life and socialisation. Secondly, the approach of history of mentalities will try to answer the question, why these three women and so many others identified with a certain ideology, and why they were able to justify and use political violence in its name. There are three women in the focus of the research because women were politically active to such a degree neither before nor after that time in Russian history. Finally the subproject deals with the question to which extent their female identity affected their use of political violence.
Direct link to Lay Summary Last update: 21.02.2013

Responsible applicant and co-applicants

Employees

-